Über Diversität in Kinderbüchern

am

Mutter-Vater-Kind

Ich bin ein großer Fan der Netflix-Serie Black Mirror. Die zweite Folge der vierten Staffel, Arkangel, beschäftigt sich quasi mit der Königsdisziplin der Helikopter-Elternschaft: Nachdem die dreijährige Tochter kurz verschwunden war, lässt ihre Mutter ihr – in bester Black Mirror-Manier – einen Chip implantieren, mit dem sie das Mädchen nicht nur jederzeit orten kann, sondern es auch vor Grausamkeiten aller Art (= alles, was das Cortison ansteigen lässt) „bewahren“ kann, indem ihm zum Beispiel Gewaltszenen, aber auch das eigene Blut lediglich verschwommen gezeigt werden.

Die Mutter in dieser Folge gebärt ihr Kind per Kaiserschnitt, während der Operation ist kein Mann bei ihr und auch später lebt sie gemeinsam mit ihrem Vater und ihrer Tochter. Die Abwesenheit eines Ehemannes oder Partners wird nicht thematisiert, ebenso wenig etwaige Probleme der Vereinbarkeit einer Alleinerziehenden. Ich, als verheiratete Frau und dreifache Mutter, wartete lange auf eine Auflösung, doch die gab es nicht. Die Familie in dieser Folge bestand aus Mutter-Kind-Großvater und das übergeordnete Thema war die Gefahr einer Überbehütung durch gruselige technische Errungenschaften.

Verstört wie immer nach einer Black Mirror-Folge starrte ich auf den Abspann und sah, dass Jodie Foster bei Arkangel Regie geführt hat. Und dachte: „Jodie Foster hat sich bestimmt nicht die Hälfte der Zeit gefragt, wo denn der Vater sei, als sie das Drehbuch las!“ Dafür fragt sie sich vermutlich bei den meisten anderen Serien, Filmen und Büchern, warum da jetzt schon wieder Mutter-Vater-Kind große Abenteuer erleben. Alles eine Frage der Perspektive.

Wenn wir Filme sehen oder Bücher lesen, kann sich meine Familie auch eher selten wiederfinden – vor allem in den allermeisten Kinderbüchern herrscht das klassische Mutter-Vater-Kind (maximal zwei Kinder) vor und selbst wenn Tiere die Protagonisten sind, gibt es auf keinen Fall eine Mama Bär, die mit Papa Elch knutscht. Und natürlich auch Mangelware: Familien ohne Mutter, ohne Vater, mit fünf Geschwistern, mit behinderten Familienmitgliedern, Patchwork-Familien oder (Pegidisten schnell weghören) nicht-deutsche Familien, die irgendwelche Abenteuer erleben.

Aus diesem Grund rief ich ja vor einiger Zeit die Rubrik Bücher gegen Vorurteile ins Leben, eine Rubrik, die mir sehr am Herzen liegt und von mir sehr regelmäßig und gewissenhaft gepflegt wird. Ich möchte, dass möglichst viele Eltern und vor allem auch Erzieher und Grundschullehrer sehen, wie viele Bücher es auf dem Markt gibt, die eine vielfältige Gesellschaft voller Toleranz und ein friedliches Miteinander trotz aller Unterschiede propagieren. Weil ich es wichtig finde, dass Kinder von Beginn an lernen, dass es keine Bedrohung darstellt, wenn jemand von auswärts kommt und vielleicht bestimmte Dinge, die schon immer so gemacht wurden, anders macht. Jeder muss wissen, dass die Welt nicht davon untergeht, sondern reicher wird.

Doch seit kurzem hadere ich ein wenig mit dieser mir so wichtigen Rubrik. So schön die Bücher sind – und dass ich für Euch nur die schönsten aussuche, wisst Ihr ja: Sie funktionieren häufig nach demselben Muster. Jemand Fremdes kommt in eine bestehende Gruppe, alle finden ihn erst einmal merkwürdig bis angsteinflößend bis nach und nach klar wird, dass dieses Fremde gar nicht so schlimm ist, sondern das eigene Leben besser macht. Der blaue Wolf bringt den roten Wölfen das Pfeifen und damit die gute Laune bei, Lysander will zwar was von den Kartoffeln abhaben, bringt aber auch Salat mit und die Schweine sind viel witziger als die Schafe gedacht hatten. So weit, so gut. Ist ja auch alles vollkommen richtig, so soll es sein!

Aber wäre es nicht noch besser, wenn Diversität einfach so in Kinderbüchern vorkäme? Wenn wie in der Black Mirror-Folge das übergeordnete Thema von unterschiedlich gearteten Menschen und Familienkonstellationen bearbeitet wird, ohne dass zum Beispiel auf ihre Herkunft eingegangen wird, soweit diese für die Problemlösung irrelevant ist? Quasi das Gegenteil von Türkisch für Anfänger?

Ich fände es schön und für unsere Gesellschaft sehr förderlich, wenn sich die vielfältigen Familienkonstellationen und die unterschiedlichen Individuen unserer Gesellschaft einfach so in Kinderbüchern wiederfinden würden, ohne, dass es problematisiert wird, dass die Protagonisten von der blonden Mutter-Vater-Kind-Norm abweichen. Zum Beispiel wie in Bleibt der jetzt für immer?, das die Geburt eines Geschwisterchens thematisiert. Oder das zurecht vielgelobte Vor den sieben Bergen, ein modernes Märchen über Schneewittchen und ihre sieben Kinder. Oder Kommst du spielen, Frida?, ein wunderbares Bilderbuch über die Freundschaft von zwei eigenwilligen Mädchen, in dem Göran für die Wäsche verantwortlich ist und zwischendurch mit Mama knutscht.

Von diesen Büchern gibt es leider immer noch viel zu wenige, der Regelfall ist, dass Andersartigkeit problematisiert wird und von den Protagonisten gelöst werden muss – so als könne am Ende eine Rechnung aufgehen und als könnten Patchwork-Familien oder farbige Kinder keine ganz normalen Probleme oder Themen haben wie du und ich. Wer auch immer dieses Du und Ich sind.

Und nun? Liebe Verlage, liebe Autoren, liebe Illustratoren: Wenn Ihr Euch das nächste Mal eine Geschichte ausdenkt, eine stinknormale Geschichte über den ersten Klogang, den ersten Streit im Kindergarten, den ersten Kuss, dann überlegt doch bitte, ob wir als (Vor-) Leser dafür wirklich das klassische blonde Mutter-Vater-Kind brauchen. Oder ob Papa auch mal schwarze Haare haben darf. Oder gar nicht der leibliche Papa sein muss. Oder ob es überhaupt einen Papa geben muss. Ich weiß es aus erster Hand: Auch Kinder aus diesen Familien fangen irgendwann an aufs Klo zu gehen oder erleben ihre erste Liebe und sie würden sich freuen, wenn sie ihr Lebensumfeld in diesen Büchern vorfinden. Wir Familien, die wir ein wenig von der Norm abweichen, würden uns ein bisschen weniger wie Außerirdische fühlen.

Vor allem aber würde es eines bewirken: Diversität würde zur Normalität werden und zwar für alle Beteiligten. Man braucht vielleicht gar nicht den Wink mit dem Zaunpfahl, der einem vor Augen hält, wie toll Vielfalt ist (und das ist sie). Je selbstverständlicher unsere vielfältige Gesellschaft in Büchern, Filmen und Serien rezipiert wird, desto selbstverständlicher wird sie auch für uns Rezipienten. Und vor Selbstverständlichkeiten muss wirklich niemand Angst haben.

Advertisements

11 Kommentare Gib deinen ab

  1. bibliofiglia sagt:

    Da hast du völlig recht! Es gibt viel zu wenig Diversität, generell auf dem Buchmarkt und in der Literatur. Im Verbrecherverlag ist grade ein Manifest dazu erschienen: „Bibliodiversität“ von Susan Hawthorne. Und kennst Du die Bücherliste von Pinkstinks? Da gibt es ein paar gute Tipps. Und vor allem hilft es, glaube ich, international zu lesen. Der englischsprachige Buchmarkt bietet ein bisschen mehr, einfach, weil er größer ist.


    https://polldaddy.com/js/rating/rating.js

    Gefällt 2 Personen

    1. Juli sagt:

      Danke für den Tipp, Bibliodiversität werde ich mir definitiv anschauen!
      Zu dem zweiten Punkt: Natürlich können wir auf einen anderen Markt ausweichen (bei uns z.B. Frankreich), mir geht es in erster Linie darum, dass mit Vorurteilen behaftete Menschen (zu denen wir im Prinzip ja alle gehören) ohne Schwierigkeiten oder Aufwand diverse Kultur rezipieren können – quasi im ARD Vorabendprogramm (sinnbildlich). 😉

      Gefällt 1 Person

  2. Eichhoernchenverlag sagt:

    Das nehme ich gern als einen klugen Auftrag mit in die zukünftige Verlagsarbeit. Vielen Dank für diesen schönen Artikel, der die Schwierigkeit der Problematisierung von Andersartigkeit in passende Worte kleidet.
    Einen guten Start in die neue Woche wünscht
    Nina

    Gefällt 2 Personen

    1. Juli sagt:

      So einen Effekt hatte ich mir erhofft! 😉 Dir auch einen guten Start!

      Gefällt 1 Person

  3. May sagt:

    Es stimmt!

    Und auch ein bisschen nicht, den ich finde, es gibt heute tatsächlich sehr viel mehr Kinderbücher als früher, in denen Diversität da da ist, ohne im Vordergrund zu stehen.

    Die „wilden Zwerge“ finde ich da besonders toll.

    Gefällt 1 Person

    1. Juli sagt:

      Ja, ich habe auch lange überlegt, ob ich einfach zuviel zu schnell will – Gastarbeiter (-kinder)haben jahrelang gar keine oder nur (in Filmen) eine kriminelle Rolle gespielt. Wir sind definitiv schon weiter als vor 30 Jahren, aber ich befürchte, der Weg ist weit.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.