Ein schneller Buchtipp aus aktuellem Anlass

Heute Morgen las ich einen Text von Esther Boldt auf Zeit Online, in dem sie sich darüber beklagte, dass es in der aktuellen Kinderliteratur keine weiblichen Role Models für ihren Sohn gäbe – statt Momo, Pippi Langstrumpf und der roten Zora gäbe es nur noch Ritter Rost, Petterson und Findus und den kleinen Drachen Kokosnuss. Starke weibliche Figuren erschienen höchstens mal als Sidekick, wie zum Beispiel Thekla, die Freundin vom kleinen Ritter Trenk.

Der Artikel erinnerte mich stark an den Text Schlechte Vorbilder: Warum wir neue Kinderbücher brauchen auf Edition F. Dana Eckardt beklagt sich wiederum, dass ihre Tochter keine Role Models hätte und man seinen Kindern Märchen wie Rotkäppchen nicht vorlesen dürfte, weil sie Stereotype bedienen. Abgesehen davon, dass Märchen aus einer Zeit stammen, in der sie für Erwachsene geschrieben beziehungsweise ja jahrzehntelang nur weitererzählt wurden, sind sie auch nicht für Dreijährige geeignet – Stereotype hin oder her. Und wenn man irgendwelche Disney-Adaptionen als allgemeinen Konsens innerhalb der deutschen Kinderliteratur heranziehen möchte, dann kann man das machen. Aber:

Ich möchte Esther Boldt und Dana Eckardt zurufen: Natürlich gibt es coole männliche und weibliche Role Models und Diversität in Kinderbüchern! Das Problem: Man muss sie heutzutage nur suchen (in meiner Jugend war es übrigens nicht schwierig, Bücher mit starken Mädchen zu finden). Meiner Meinung nach sind Fragestellung und Adressat der beiden vollkommen falsch. Es ist nicht so, dass solche Bücher mit starken Mädchen oder kleinen Jungs oder getrennten Eltern oder Müttern mit Kopftuch nicht geschrieben werden – sie entsprechen nur nicht dem Mainstream. Der Vorwurf sollte also nicht lauten „Es werden keine Bücher mit weiblichen Vorbildern geschrieben!“, sondern „Eltern, Großeltern und alle anderen Erwachsenen: Warum kauft Ihr so viele Mainstream-artige Bücher, dass die Verlage immer neue davon nachlegen?“

So viel dazu. Nachdem ich also dann heute morgen den Artikel gelesen und mir meine Gedanken dazu gemacht hatte, stand plötzlich Monsieur 1 wie ein kleines Häufchen Elend vor mir: In der Schule startete am Montag das neue Halbjahr und das bedeutet, dass demnächst wieder die ganze Klasse vom Hausmeister gemessen wird, damit jeder den richtigen Tisch und die richtige Stuhlhöhe hat. Eigentlich sehr löblich von der Schule, doch für Monsieur 1 ein Graus. Dadurch, dass er die erste Klasse übersprungen hat und bei der Einschulung eh schon ein Kann-Kind war, ist er anderthalb bis zwei Jahre jünger als alle anderen – und auch sonst kein Riese. Monsieur 1 kommt sehr gut klar in dieser Klasse, doch das halbjährliche Messen führt ihm schmerzhaft vor Augen, dass er dort der Allerkleinste ist – beim letzten Mal hatte der Hausmeister wohl sogar eine Messlatte mit, auf der Monsieur 1′ Größe nicht mal mehr eingezeichnet war – und alle lachten.

„Das ist ja wie bei Floh & Pieks!“ sagte ich zu ihm. Denn in dem Buch muss der Hausmeister für Pieks einen Prinzessinnenstuhl aus der ehemaligen Puppenecke holen, weil sie für alle anderen Stühle zu klein ist. Und da wären wir jetzt auch schon an dem Punkt, wo die beiden Geschichten – das Klagen über weibliche Vorbilder und ein kleiner Junge, der traurig über sein Kleinsein ist – zusammenlaufen, aber das hattet Ihr sicher schon gemerkt.

Floh ist in seiner Klasse auch der Kleinste – man erkennt es bereits an dem Spitznamen – und im Gegensatz zu Monsieur 1 hat er dadurch einiges auszustehen und ist den Attacken des fiesen Ajan schutzlos ausgeliefert bis, ja, bis Pieks in seine Klasse kommt. Die ist noch kleiner als Floh, doch hat im Gegensatz zu ihm gar kein Problem damit, sondern zieht sich zusätzlich noch auffällig an, lacht über Ajans Witze und erzählt, dass ihr Vater sogar noch kleiner ist – der ist nämlich angeblich ein Gartenzwerg.

Floh & Pieks hat diesen tollen niederländischen Kinderbuch-Humor, der das Anderssein geradezu abfeiert und macht Mut, seinen eigenen Weg zu gehen. Selbst der geknickte Monsieur 1 musste lachen, als ich ihn an den Prinzessinnenstuhl erinnerte.

Und wer noch mehr Bücher sucht, die ohne Klischees und Stereotype auskommen, wird hier bestimmt fündig, denn: Es gibt diese tollen Bücher, man muss sie nur suchen!

Pieter Koolwijk, Linde Faas: Floh & Pieks – Allerbeste Freunde (Übersetzung: Sylke Hachmeister). Oetinger 2013, ab acht Jahren, 12,00 €.

ISBN/EAN: 978-3-7891-4056-3
Sprache: Deutsch
Umfang: 144 Seiten
Erschienen am 01.02.2013

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