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Bilderbücher über Armut

Schwierige Themen sind schwer zu erzählen

Mit dem Thema Armut in Kinderbüchern ist es ja fast noch ein bisschen komplizierter als mit dem Thema Diversity, oder sagen wir so: Was Protagonist*innen betrifft, deren Eltern nicht Wissenschaftler*innen, Architekt*innen, Informatiker*innen, Café- oder Boutiquebesitzer*innen sind und die nicht in einem lustigen Haus am Stadtrand wohnen, ist der Markt noch recht dünn besetzt; in der Regel geht es den Familien in Bilder- und Kinderbüchern finanziell so gut, dass über Geld nicht gesprochen wird. Hier befindet sich der Kinderbuchmarkt – ähnlich wie einst beim Thema Diversity in Bezug auf Hautfarben und Geschlechterrollen – noch ganz am Anfang beziehungsweise hat eine kleine Rüchwärtsrolle gemacht (wenn ich an Die Vorstadtkrokodile, Die wilden Hühner oder Die wilden Fußballkerle und Rico und Oskar denke, in denen Geldnot oder Jobverlust der Eltern ganz nebenbei thematisiert wird). Momentan heißt das Motto in Kinderbüchern „Geld spielt keine Rolle!“ – weil offenbar genug da ist.

Wir befinden uns in der Phase, in der Armut eher problematisiert als nebenbei thematisiert wird (das kennen wir bereits von der Diversität), was vermutlich Rückschlüsse auf Käufer*innen und Rezipient*innen erlaubt, aber das muss ich noch näher untersuchen. Für den Anfang habe ich Euch drei Bilderbücher mitgebracht, die sich mit Armut im Sinne von Obdachlosigkeit und Hunger befassen.

Wie ist es, wenn man arm ist? Ahmed, Drei Herren, Tyrolia, Gabriel, Schaltzeit, arme Menschen, Kinder, Obdachlose, Obdachlosigkeit, Hunger, erklärt für Kinder
Bilderbücher über Armut

Drei Herren

Im Park treffen sich regelmäßig zwei Männergruppen, bestehend aus jeweils drei Freunden. Sie unterhalten sich über das, was sie in der letzten Woche bewegt, erfreut und geärgert hat. In der einen Gruppe erfreut man sich an den duftenden Rosen im eigenen Garten, erzählt von einer Ballonfahrt in einem afrikanischen Land und ärgert sich, dass die Alarmanlage kaputt ist und mitten in der Nacht Alarm schlägt. In der zweiten Gruppe sind die Themen anders gelagert: Einer schläft in seinem Schlafsack hinter den Rosen im Park, einer verkauft Magazine vor einem Supermarkt und freute sich über eine geschenkte Brezel, der Dritte hat seiner Tochter zum Geburtstag einen Luftballon mitgebracht. Als plötzlich ein Sturm aufzieht und große Regentropfen auf den Boden prasseln, machen sich alle sechs Herren auf den Weg, der Sturm zerrt allen ihre Hüte und Mützen von den Köpfen und sie eilen unbehütet davon.

Ich vermute, dass dieser Schluss nahelegen soll, dass wir Menschen in manchen Situationen alle gleich sind, doch daran glaube ich leider nicht – ob Regen oder Corona-Pandemie: Der Herr mit der kaputten Alarmanlage flüchtet in seine Villa, duscht heiß und kauft sich dann einen neuen Hut und eine neue Alarmanlage. Einer der anderen Herren wartet das Unwetter unter einer Brücke oder vielleicht in einer Obdachloseneinrichtung ab und ist dann immer noch nass.

Doch davon einmal abgesehen, gefällt mir die parallele Darstellung von den großen und kleinen Nöten und Freuden des Alltags sehr gut. Helga Bansch bleibt beiden Gruppen gegenüber wertfrei und ohne Kritik und lässt dadurch allen Raum, um über die Ungleichheiten innerhalb einer Gesellschaft zu sprechen. Wer ist arm? Wer ist reich? Ist reich, wer eine Ballonfahrt machen oder wer einen Luftballon verschenken kann? Was braucht man für ein gutes Leben? Und: Ist derjenige mit Villa und Alarmanlage automatisch glücklicher?

Helga Bansch, Bilderbuch, Armut, Obdachlosigkeit, vorlesen, Grundschule, lernen, schwieriges Thema
Drei Herren, Tyrolia 2020

Helga Bansch: Drei Herren. Tyrolia Verlag 2020, ab 4 Jahren, 16,95 €.


Ahmed

Um das Thema Obdachlosigeit geht es auch in Ahmed: Jeden Tag auf dem Rückweg von der Schule trifft der kleine Junge Ahmed. Dieser sitzt immer an demselben Platz und beobachtet ruhig und freundlich das Treiben um sich herum. Die Eltern sagen, er sei ein Stadtstreicher, aber Stadtstreicher gehen doch von Ort zu Ort und sind nicht immer am selben Platz? In der Fantasie des Jungen ist Ahmed jedenfalls ein großer König in einem nordafrikanischen Land, das er mit viel Freundlichkeit regiert. An diesem Traum hält der Junge auch fest, nachdem Ahmed eines Tages verschwunden ist…

Der französische Künstler Barroux, der in Nordafrika aufgewachsen ist, hat sein Bilderbuch sowohl Ahmed als auch seinen Schulweggefährten von einst gewidmet. Ebenso ruhig und freundlich wie seine Titelfigur macht er in sehr kraftvollen Bildern darauf aufmerksam, dass hinter jedem Obdachlosen, der zum Stadtbild gehört, der von vielen übersehen und von manchen ängstlich beäugt wird, vor allem eines steckt: ein Mensch.

Barroux, Bilderbuch, Armut, Obdachlosigkeit, Frankreich, Grundschule, vorlesen, besondere Themen
Ahmed, Schaltzeit 2016

Barroux: Ahmed (Übersetzung: Claudia Sandberg). Schaltzeit Verlag 2016, ab 5 Jahren, 14,90 €.


Wie ist es, wenn man arm ist?

Das Sachbilderbuch Wie ist es, wenn man arm ist? aus der Weltkugel-Reihe des Gabriel Verlags widmet sich in erster Linie Armut und Hunger in Entwicklungsländern und Kriegsgebieten. In einfachen Worten wird erklärt, was Armut bedeutet und welche Auswirkungen diese auf Ernährung, Gesundheitsversorgung und Bildung hat. Es werden Ursachen wie Krieg und Naturkathastrophen benannt und auch erläutert, wie Armut durch verschiedene Maßnahmen wie Spenden oder Hilfsorganisationen bekämpft werden kann.

Wie ist es, wenn man arm ist? kann ich mir sehr gut im Grundschulunterricht vorstellen, es gibt einen klaren Überblick über die Situation in armen Ländern und öffnet den Blick für Fluchtursachen. Einziges Manko in meinen Augen: Bereits auf der ersten Seite wird die Arm-Reich-Schere zwischen Deutschland („Die meisten Menschen hierzulande haben genug Geld…“) und Entwicklungsländern aufgemacht, so dass der Eindruck entsteht, Armut gäbe es nur in letzteren. Auf der letzten Seite wird dann dazu aufgefordert, altes Spielzeug oder Essen an Sozialkaufhäuser oder Tafeln zu spenden – dazwischen hätte ich mir noch ein Kapitel über Armut in Deutschland gewünscht, die sich natürlich von der in Entwicklungsländern unterscheidet.

Louise Spilsbury, Hanane Kai, Kindersachbuch, Armut, Globalisierung, arme Länder, Hunger, lernen
Wie ist es, wenn man arm ist? Gabriel 2018

Louise Spilsbury, Hanane Kai: Wie ist es, wenn man arm ist? (Übersetzung: Jonas Bedford-Strohm) Gabriel Verlag 2018, ab 5 Jahren, 10,00 €.


Weitere Bilderbücher, in denen Armut beziehungsweise finanzielle Not in Familien gezeigt wird, sind zum Beispiel Königin für eine Nacht und Mio war da. Obdachlosigkeit wird auch in Die schönste Laterne der Welt thematisiert. Ein tolles Sachbuch für Ältere ist Armut von Jutta Bauer; in Woher ich meine Sommersprossen habe gibt eine Nebenfigur Einblick in das Leben als ALGII-Empfängerin.

Habt Ihr noch weitere Buchtipps für mich? Habe ich vielleicht Bücher und Geschichten übersehen?


2 Comments »

  1. HalloJuli,
    Ich habe gerade mit Interesse Deinen Beitrag über Bilderbücher zum Thema Armut gelesen. Mir fallen noch folgende Titel ein:

    Gemmel, Was ist los mit Marie -935265171

    Dörrie/Gleich, Martin -8692104131

    Osinger, Papa Hoppe gibt nicht auf -936156218 Vergriffen

    Weber, Mein Zuhause ist die Straße -930285303

    Zeller, Suche Arbeit für Papa -397888901

    Boie, Ein mittelschönes Leben -551517647

    Dubois, Stromer – 895653421

    Fährmann, Wir nannten ihn Pimann Vergriffen

    Aydinözü, Die Unsichtbaren erhältlich bei der Obdachlosenhilfe fifty/fifty in Düsseldorf

    Ich hoffe, Du kannst aus der Liste noch Bücher empfehlen.

    Mit lieben Grüßen

    Jutta Nierhaus

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Jutta, ganz, ganz herzlichen Dank für diese Liste! „Stromer“ und „Ein mittelschönes Leben“ kenne ich schon, die anderen gucke ich mir unbedingt an! Liebe Grüße und einen schönen Sonntag!

      Gefällt mir

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