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Kinderbücher über Wohnungslosigkeit

Obdachlosigkeit hat viele Gesichter

Armut hat viele Facetten: Sie reicht von der Wohnsituation über einseitige Ernährung bis hin zu mangelnder Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Im Kinderbuch ist Armut nach wie vor noch häufig mit Obdachlosigkeit verknüpft, insbesondere in Bilderbüchern werden Kinder für das Thema sensibilisiert und zu Mildtätigkeit angeregt. Dass Wohnungslosigkeit und Armut jedoch auch Kinder selbst betreffen können, wird immer öfter in Büchern für ältere Kinder thematisiert. Zwei Beispiele habe ich Euch heute mitgebracht.

Kein Bett in der Nacht

Die portugisische Journalistin und Autorin Maria Inês de Almeida erzählt – inspiriert von den Fragen ihres Sohnes José, der so auch Mitautor ihres Bilderbuches wurde – in Kein Bett in der Nacht über Obdachlosigkeit und wie es dazu kommen kann, dass Menschen keine Wohnung haben. Aus der Perspektive eines Mädchens wird geschildert, welche Vorstellungen Kinder von Menschen haben, die auf der Straße leben, von anfänglicher Romantisierung („Ich glaubte, sie würden die Nächte dort verbringen, weil sie sich so gern den Sternenhimmel anschauen.“) über die Realisierung der tatsächlichen Umstände („Sie haben kein Haus, das sie vor Regen, Hitze oder Wind schützt.“) bis hin zu Hilfsmöglichkeiten.

Die Protagonistin entschließt sich, jedes Jahr an Weihnachten soziale Organisationen zu besuchen und gesammelte Kleidung und Nahrungsmittel zu verteilen. Dabei kommt sie mit vielen wohnungslosen Männern ins Gespräch. Positiv: Durch die Gespräche bekommen diese eine Persönlichkeit und eine Geschichte und treten so aus der gesichtslosen Gruppe „die Obdachlosen“ heraus. Kleines Manko: Warum muss die Hilfe ausgerechnet an Weihnachten stattfinden? Ich habe mit der Spendenmentalität an Weihnachten ein kleines Problem, für mich hat es etwas von modernem Ablasshandel, aber vielleicht geht es ja nur mir so. Also: Helfen kann man das ganze Jahr. Nichtsdestotrotz ein sehr feinfühliges Bilderbuch, um Kinder über Wohnungslosigkeit zu informieren und zu sensibilisieren, denn allzu oft herrscht noch die Meinung vor, „die seien alle selbst Schuld“.

Hier entlang geht’s zum Blick ins Buch.

Maria Inês de Almeida, José Almeida de Oliveira, Cátia Vidinhas: Kein Bett in der Nacht (Übersetzung: Sarah Pasquay). Knesebeck 2021, ab 4 Jahren, 14,00 Euro.


Adresse unbekannt

Wie schnell es gehen kann, dass auch Kinder keinen festen Wohnsitz mehr haben können, zeigt die kanadische Autorin Susin Nielsen in Adresse unbekannt: Ich-Erzähler Felix erzählt einer Polizistin und uns Leser*innen die Geschichte von seiner chaotischen Mutter und sich selbst und wie es dazu kam, dass die beiden innerhalb eines Jahres von einer Eigentumswohnung zum Leben im Van ohne feste Adresse, ohne Waschgelegeneheit und ohne Klo (Tollerweise ein zentrales Thema im Buch!) kamen.

Am Anfang findet Felix das Van-Leben noch sehr aufregend, es ist Sommer, es sind Ferien und das Herumfahren versprüht Freiheit. Doch mit dem Herbst und dem Schulbeginn fängt es an, anstrengend zu werden. Felix muss seine Freund*innen belügen, wird krank, fängt an zu müffeln. Und seine Mutter baut immer mehr ab, findet keinen neuen Job, vernachlässigt sich, verliert sich in immer länger dauernden depressiven Phasen. Felix gibt alles, um nach außen das Bild von Normalität weiter vorzuspielen, aber irgendwann geht es einfach nicht mehr…

Adresse unbekannt hat nicht nur mir ausgesprochen gut gefallen, es wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und mit dem LUCHS und dem LESEKOMPASS ausgezeichnet. Susin Nielsen lässt ihren hochintelligenten Protagonisten schonungslos ehrlich von der Wohnungslosigkeit berichten, spart kein Thema (wie die fehlende Toilette) aus und lässt Felix‘ Geschichte zu einem guten, realistischen Ende kommen – Felix und seine Mutter werden nicht durch den Gewinn einer Quizshow erlöst, wie es zunächst Felix‘ Plan war, sondern durch das Annehmen von Hilfe. Denn anders geht es nicht in einer solchen Situation, insbesondere, wenn Kinder betroffen sind. Einen Pluspunkt extra gibt es noch für die unaufgeregt diversen Charaktere mit ihrer jeweiligen internationalen Geschichte.

Susin Nielsen: Adresse unbekannt (Übersetzung: Anja Herre). Urachhaus 2021, ab 11 Jahren, 18,00 Euro.


Zum Weiterlesen, Informieren und Helfen: der Instagram-Account von Dominik Bloh, Autor von Unter Palmen aus Stahl und seine Organisation Go Banyo; bei uns in Schleswig-Holstein gibt es das Straßenmagazin Hempels, der Verein initiiert auch Wohnprojekte; in Hamburg informiert das tolle Magazin Hinz&Kunzt, für das Jutta Bauer und Kirsten Boie Ein mittelschönes Leben veröffentlicht haben; das Housing-First-Konzept gilt momentan als der nachhaltigste Weg, um Menschen von der Straße in die eigene Wohnung zu holen, wird aber bisher lediglich in kleinen Leuchtturmprojekten angewendet.


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