„Wenn sich die richtige Tür öffnet: Geht durch und ihr werdet staunen, was ihr alles auf die Beine stellen könnt!“

Ein Gespräch mit Kirsten Boie über Wirklichkeit zwischen Norddeutschland und Swasiland

Das neue Buch von Kirsten Boie heißt Ein Sommer in Sommerby und wer sich ein bisschen bei uns in Schleswig-Holstein auskennt, der weiß, dass hier viele kleine niedliche Dörfer auf „-by“ enden – ein dänisches Erbe sozusagen. In so ein Dorf verschlägt es die Geschwister Martha, Mikkel und Mats, die eigentlich mit ihren Upper-Class-Eltern in Hamburg leben und keinen Kontakt zu der Oma in Sommerby haben. Nun hat jedoch ihre Mutter einen Unfall in New York, der Vater muss zu ihr fliegen und da Sommerferien sind, bleibt ihm nichts anderes übrig als die Kinder zur Oma zu bringen. So beginnt ein Sommer ohne WLAN, ohne Fernseher und ohne Spülmaschine, dafür aber mit vielen Entdeckungen – vor allem der eigenen Selbstwirksamkeit.

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Ein Sommer in Sommerby, Oetinger 2018

Frau Boie, Sie wohnen in Schleswig-Holstein, sind in Hamburg geboren und Ihr neues Buch spielt an der Schlei – fühlen Sie sich in Schleswig-Holstein so richtig Zuhause?

Norddeutschland ist meine Heimat, ich würde mich dabei jedoch nicht auf ein Bundesland festlegen wollen. Das ist keine politische Frage, wo irgendwann einmal Grenzen gezogen worden sind, sondern das hat etwas mit Landschaft zu tun, mit einer bestimmten Art, wie die Menschen miteinander umgehen, wie sie mit dem Leben umgehen, mit einer bestimmten Kultur – ich denke, ich fühle mich sehr norddeutsch und in Norddeutschland Zuhause. Das bedeutet natürlich nicht, dass es woanders nicht auch schön wäre, doch das wäre nicht mein Zuhause, da würde ich nicht leben wollen.

Was würden Sie vermissen?

Ich glaube, das Entscheidende ist die Art des Umgangs, dass man in seiner Heimat relativ gut die Signale lesen kann, die andere versenden – auch Mikrosignale, so ganz kleine Dinge – und dass man sich nicht so leicht missversteht. Ich war vor kurzem in Freiburg und habe dort ein langes Gespräch mit jemandem geführt, der dort lebt und der sagte, er müsste ein-, zweimal im Jahr nach Norddeutschland fahren. Er wäre Süddeutscher und lebte dort auch gern, aber die vollkommen andere Art, wie die Menschen im Norden miteinander umgehen, gebe ihm immer ein Gefühl von Freiheit. Was genau er damit gemeint hat, weiß ich nicht, ich habe es aber mal als Kompliment aufgefasst. Jeder weiß, dass Menschen, die innerhalb Deutschlands den Wohnort wechseln, sich erst einmal an diese andere Art des Umgangs gewöhnen müssen und deshalb bin ich eigentlich sehr glücklich, dass ich mein ganzes Leben immer in derselben Region verbracht habe, das macht es natürlich sehr viel einfacher für mich.

Ihr neues Buch Ein Sommer in Sommerby ist angelegt an die Gegend an der Schlei. Meine eigene Kindheit ist der in Sommerby tatsächlich sehr ähnlich, ich bin im Glücksburg der 1980er Jahre aufgewachsen, konnte frei herumlaufen, im Sommer war ich am Strand, im Winter auf dem See Schlittschuh laufen und den Rest der Zeit im Wald…

Können Sie das Ihren Kindern auch bieten?

Das genau ist meine Frage. Wir wohnen hier in der Stadt und haben das unter anderem so entschieden, weil ich nicht viermal die Woche mit dem Auto übers Land zum Fußballtraining fahren, sondern alles mit dem Rad erreichen möchte. Trotzdem bedauere ich meine Söhne manchmal, dass sie nicht das erleben können, was ich als Kind erlebt habe. Und deshalb frage ich etwas ketzerisch: Ist ein Leben wie in Sommerby die ideale Kindheit?

Ob es das auf Dauer wäre, ist die große Frage. Die Kinder im Buch haben dort eine Art Auszeit von ihrem Leben in der Großstadt und als Ergänzung ist es sicherlich toll. Wie es wäre, wenn sie immer dort leben müssten, worauf sie auch verzichten müssten, das weiß ich nicht und da wäre ich auch vorsichtig. Ich würde vermutlich dieser Oma, die ich wirklich sehr, sehr mag, meine Kinder in diesem Umfeld nicht übergeben wollen, weil es natürlich ganz vieles gäbe, das ihnen versperrt bliebe – neben all den guten Erfahrungen, die sie in Sommerby machen.

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Ein Sommer in Sommerby – ein kalter Frühling in Kiel

Bildungsmäßig wäre es dort sehr schwierig, dann gibt es wenig an kulturellen Möglichkeiten. Für Kinder im Alter von Mats und Mikkel ist es natürlich toll dort, doch schon für die 12jährige Martha wird es schwierig. Die optimale Möglichkeit wäre natürlich beides zu haben, doch viele Menschen in der Großstadt können nicht regelmäßig aufs Land fahren, das ist ja auch ein finanzieller Faktor. Auch nur am Wochenende mit dem Bus ins Grüne zu fahren kann sich nicht jeder leisten und nicht jeder hat dafür Zeit. Auch das ist also ein Vorschlag, der sich nicht von allen umsetzen lässt.

Doch das ideale Leben gibt es ohnehin nicht, es wäre ja vollkommen naiv, anzunehmen, dass ich für meine Kinder die optimale Umgebung schaffen kann. Ich glaube, das ist von Anfang an der falsche Ansatz und zum Scheitern verurteilt. Ich muss mir immer sagen: „Das ist mir wichtig und das, das und das. Dafür verzichte ich auf das, das oder das!“ und wenn ich mir zu viele Gedanken mache, dann ist das für meine Kinder auch nicht gut.

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Kein Tag für Juli – jetzt habe ich eine signierte Ausgabe ❤

Das Wichtigste ist sowieso – und das ist so banal, dass ich es gar nicht sagen mag -, dass Kinder sich von ihren Eltern geliebt fühlen und diese sie so okay finden wie sie sind. Diese Kinder haben meiner Meinung nach die besten Startchancen, egal, aus welchem Umfeld sie kommen. Die Basis-Sachen sollten da sein und dann werden die Kinder das schon hinkriegen, das glaube ich ganz fest.

Sie fahren regelmäßig nach Swasiland und haben eine Stiftung, die sich für die dortigen AIDS-Waisen einsetzt. Davon inspiriert ist auch ihre Reihe Thabo – Detektiv und Gentleman. In einem Interview haben Sie gesagt, dass Sie Thabo erschaffen haben, damit das afrikanische Kind nicht wie immer als Opfer wahrgenommen wird, sondern der Held ist, mit dem sich deutsche Kinder beim (Vor-) Lesen identifizieren können.

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Lief bei uns rauf und runter: Thabo – Detektiv und Gentleman

Ich habe mich gewundert, dass mir das nicht früher aufgefallen ist! Mir ist es tatsächlich erst bewusst geworden, als ich nach einigen Jahren in Swasiland zunächst ein sehr ernstes Buch geschrieben habe, mit authentischen Geschichten, die genau dieses Muster bedienen: dass afrikanische Kinder immer Opfer sind, dass wir immer Mitleid haben müssen… Das sollen wir auch und das finde ich gut, aber das macht sie andererseits auch so klein! Deshalb dachte ich mir, dass es wirklich eine Notwendigkeit ist, so eine Geschichte zu machen.

Und dann hat es natürlich auch unglaublich Spaß gemacht! Es macht ja immer Spaß, wenn man das verarbeiten kann, was man an Erfahrungen gesammelt hat – Erfahrungen mit Menschen, Erfahrungen mit Landschaft -, ich konnte mich da ordentlich austoben, was meine Swasiland-Erfahrungen betrifft. Und ich merke auch an den Rückmeldungen, dass es Leser gibt, bei denen das gut funktioniert. Sicherlich nicht bei allen, aber man kann ja ohnehin nie wissen, wie ein Buch auf den Einzelnen wirkt.

Welche Rückmeldungen bekommen Sie von farbigen Kindern?

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Thabos neuester Fall: Der Rinder-Dieb

Darüber hatte ich vorher tatsächlich gar nicht nachgedacht, die Zielgruppe waren für mich deutsche Kinder, die ja zum größten Teil weiß sind. Ich habe sowohl von Kindern als auch von Müttern dunkelhäutiger Kinder Rückmeldungen bekommen: Die Kinder haben mir geschrieben „Ich sehe so ähnlich aus wie Thabo und ich finde das toll!“ und die Mütter haben geschrieben: „Mein Sohn fand es richtig klasse, dass endlich mal jemand aussieht wie er!“ – und jetzt kommt aber das richtig Spannende: Das sind ganz offensichtlich sehr deutsche Kinder, vielleicht haben sie ein afrikanisches Elternteil, aber sie wachsen in unserem Kulturkreis auf. Sie haben mit ihren weißen Klassenkameraden viel mehr gemeinsam als mit Thabo und trotzdem identifizieren sie sich mit ihm. Das zeigt, was für eine unglaublich große Rolle die Hautfarbe noch bei uns spielt und dass farbige Menschen nach wie vor auf ihre Hautfarbe reduziert werden – deshalb identifizieren sich diese Kinder mit Thabo, obwohl sie mit seinem Leben genauso wenig verbindet wie jedes andere deutsche Kind. Das ist mir selbst erst durch die Thabo-Lesungen und die Rückmeldungen der Eltern und Kinder bewusst geworden.

Ich habe hier auf dem Blog bereits Ihre Möwenweg-Stiftung vorgestellt – was gibt es aktuell von dort zu berichten?

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Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen

Wir haben das als reines Waisenkinder-Projekt angefangen und am Anfang hatte es keinen hohen Standard. Es ging zunächst lediglich darum, dass die Kinder eine Anlaufstelle und etwas zu essen bekommen.

Momentan sind zwei Entwicklungen sehr schön: Erstens sinkt die Neuinfektionsrate in Swasiland, so dass nicht mehr so viele Kinder früh ihre Eltern verlieren. Die Zahlen sind immer noch schrecklich, dass 43% der 16jährigen keine Eltern mehr haben finden wir natürlich immer noch viel zu hoch, doch im Vergleich zu früher ist das schon eine Verbesserung.

Parallel dazu sind wir jetzt dazu in der Lage, so etwas ähnliches wie ein Vorschulprojekt aufzubauen und wir konnten ein Fahrzeug kaufen. Denn ein großes Problem ist, dass die insgesamt hundert Betreuungspunkte (Neighborhood Carepoints) so schwer zu erreichen sind. Dieses Fahrzeug teilt sich unsere Koordinationskraft für die Vorschulen mit einem Mitarbeiter der Rotarier, der ein anderes Projekt betreut. Das ist ein Riesenerfolg: dass wir eine Infrastruktur geschaffen haben, die es anderen Projekten ermöglicht, in Aktion zu treten. Das war nicht unser Ursprungsplan, aber das ist das, was jetzt passiert. Außerdem konnten wir uns durch unsere neue Dachorganisation Young Heros in der Hauptstadt Mbabane zusätzlich professionalisieren, momentan läuft das alles wirklich sehr gut.

Wie oft sind Sie dort vor Ort?

Ein- bis zweimal im Jahr. Ich war im Februar dort und plane jetzt gerade die nächste Reise für den Herbst. Doch ich komme nicht dorthin um zu reisen. Ich war inzwischen so oft da, dass es viele Dinge gibt, die ich einschätzen kann und nicht noch einmal sehen muss und es geht mir auch nicht um die Putzigkeit, um das einmal so zu sagen. Es geht um die entscheidenden Fragen innerhalb des Projektes und wenn da etwas ansteht, dann reise ich dorthin.

Das Ganze kostet sehr viel Zeit, aber es hat natürlich auch etwas unglaublich Befriedigendes. Das ist wirklich ein echtes Geschenk, so etwas machen zu dürfen. Früher hätte ich mir nie vorstellen können, dass so etwas möglich ist. Und ich sage das auch zu Kindern bei Lesungen: „Denkt nie, ihr könnt irgendetwas nicht machen, dass ihr zu klein seid oder dass das nur die Großen, Offiziellen tun können! Ihr könnt ganz viel und wenn sich die richtige Tür öffnet, geht durch und ihr werdet staunen, was ihr alles auf die Beine stellen könnt!“

Thabo, Der kleine Ritter Trenk, Ein mittelschönes Leben, Bestimmt wird alles gut, Wir Kinder aus dem Möwenweg und natürlich Juli – Sie greifen in Ihren Büchern eine unglaublich große Bandbreite an Themen und Charakteren auf: Über welches Thema würden Sie demnächst gerne noch schreiben?

Meistens ist es so, dass es mir irgendwie zufällt und gar nicht geplant ist – was ich für mich persönlich auch ganz toll finde. Wenn wir von Geschenken sprechen, dann ist auch das ein großes Geschenk für mich, denn das macht es möglich, sich nicht zu langweilen. Das wäre meine Horrorvorstellung: immer nur dasselbe schreiben. Ich plane nicht, warte ab und oft ist es etwas, das mich beschäftigt und ich bekomme dann Lust, darüber zu schreiben. Mich interessiert, selbst wenn ich zum Beispiel über den kleinen Ritter Trenk schreibe, die Wirklichkeit und da kann ich auch nichts dran ändern. Ich könnte deshalb zum Beispiel auch nie Fantasy-Bücher schreiben. Beim Schreiben erkunde ich die Wirklichkeit des jeweiligen Themas und das macht mir Spaß. Sogar Sommerby ist Wirklichkeit, wenn auch Idylle – die gibt es ja, wenn auch nur für eine begrenzte Zeit und einen begrenzten Rahmen.

Ich erzähle nie jemandem, was ich an Ideen im Kopf habe, ich kann nur sagen, dass das nächste Buch eine ganz andere Wirklichkeit haben wird als meine bisherigen Bücher und deshalb mir persönlich auch eigentlich noch gefehlt hat. Am einfachsten ist es vielleicht, wenn ich sage: Es ist eine Tiergeschichte. Und nach den drei Thabo-Büchern und Sommerby auch endlich mal wieder ein Buch zum Vorlesen und für jüngere Leser. Aber mehr erzähle ich wirklich noch nicht!

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