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Über soziale Distinktion – oder auch nicht: Mio war da

Die Lebensentwürfe der Klasse 1d

Aktuell ist es mal wieder so, dass wir drei Kinder in drei verschiedenen Einrichtungen haben und ich muss sagen: Diese Lebensphasen gehören wirklich nicht zu meinen liebsten. Wie schön war es, als die Messieurs 1 und 2 für kurze Zeit gleichzeitig dieselbe Grundschule besuchten! Die nächsten zwei Jahre werden nun so aussehen: 1 Kind auf dem Gymnasium, 1 Kind in der Grundschule, 1 Kind im Kindergarten. Zwei Einrichtungen davon immerhin fußläufig zu unserem Zuhause.

Nach neun Jahren Erfahrung mit Kinderbetreuung, Kindertageseinrichtungen und Schulen bin ich in diesem Sommer zu einer sehr interessanten Erkenntnis gelangt und Tanja Székessy hat nahezu gleichzeitig ein Bilderbuch darüber gemacht – was für ein enormer Zufall, oder? No kidding!

Tanja Székessy, Bilderbuch, Grundschule, Vielfalt, Toleranz, Diversität, vorlesen, lesen, Vorschule

Mio war da! Klett Kinderbuch

In Mio war da! lässt Tanja den Kuschelpinguin Mio alle Kinder der Klasse 1d über Nacht in ihrem Zuhause besuchen und ich glaube, ich lehne mich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass erstens viele von uns viele dieser Zuhause noch nie von innen gesehen haben und dass zweitens viele Kinder ihr Zuhause zuvor noch nie in einem Bilderbuch gesehen haben.

Denn bei den meisten von uns ist es doch so: Wir suchen akribisch die passende Kita für unsere Kinder aus, legen vielleicht Wert auf Biogemüse oder Naturnähe, auf Frühförderung oder Waldorfpädagogik. Dafür fahren wir auch mal quer durch die Stadt und wenn wir bei der Kita unseres Vertrauens angekommen sind, dann treffen wir dort auf Familien, denen dasselbe wichtig ist wie uns – und bei denen es Zuhause vermutlich auch ganz ähnlich aussieht wie bei uns.

Dasselbe geschieht dann noch einmal in ähnlicher Form auf der weiterführenden Schule. Auch hier überlegen wir im Vorfeld, was uns wichtig ist – MINT-Fächer? Ganztagsbetreuung? Spannende AGs? Ein ganz bestimmtes Wertesystem? Und wieder treffen wir auf andere Eltern, die viele Dinge genauso sehen wie wir. Vielleicht gibt es ein paar Ausreißer nach links und rechts, doch im Prinzip sind auch hier unsere Wünsche und Vorstellungen denen der anderen Familien recht ähnlich.

Ganz anders ist das in der Grundschule (zumindest in meiner Filterblase). Vielleicht liegt es daran, dass die meisten ihre Grundschule weder nach Biogemüse noch nach spannenden AGs auswählen, sondern schlicht nach: Fußläufigkeit. Mindestens sechs Jahre lang hat man das Kind nun bereits durch die Stadt kutschiert, nun ist es alt genug, um ein kurzes Stück Weg auch mal allein zurückzulegen, was für eine Wohltat! Und vielleicht zum ersten (und auch letzten Mal) treffen Kinder und Eltern nicht mehr nur auf Gleichgesinnte, sondern auf alle, die eben auch fußläufig wohnen und schulpflichtig sind. Nirgendwo habe ich mehr Vielfalt erlebt als in der Grundschule.

Und genau dort setzt Mio war da! an. Mio sieht alles, wenn er bei den Kindern übernachtet. Er sieht Kinder daddelnd vor dem Fernseher, Großfamilien und Alleinerziehende. Er sieht Kinder, die Spaß haben und Kinder, die traurig sind; Kinder, die lernen und Kinder, die boxen – eben die gesamte Bandbreite einer Grundschulklasse. Wären diese Kinder nicht alle in der Klasse 1d, würden sich vielen von ihnen vermutlich gar nicht kennenlernen, denn ihre Eltern haben eben nicht dieselben Wertvorstellungen oder Lebensentwürfe und würden ihre Kinder deshalb nicht zusammenbringen.

Und dabei ist es so wichtig, mit fremden Lebensentwürfen in Berührung zu kommen – für die Kinder der Klasse 1d genauso wie für die (Vor-) Leser*innen dieses Buches. Ich wünsche mir, dass dieses Bilderbuch den Weg in viele erste Klassen findet und an viele Orte kommt, an denen Kinder sind, deren Leben in der Regel nicht in Bilderbüchern abgebildet wird, damit sie sehen, dass auch ihre Leben relevant sind.

Die Vielfalt, die Tanja zeigt, lässt uns Erwachsene ahnen, wie anstrengend das ist mit dieser sogenannten Diversity – dass es für eine funktionierende Gesellschaft nicht ausreicht, in seiner Filterblase zu verharren und von dort aus großzügig andere Lebensentwürfe, Religionen oder sexuelle Orientierungen zu tolerieren, solange man mit diesen nicht in Berührung kommt. Zum Glück betrachtet Pinguin Mio das Ganze vorurteilsfrei und neugierig – und das ist doch der beste erste Schritt, den man machen kann!

(Hier entlang geht’s zur Leseprobe.)

Tanja Székessy: Mio war da! Klett Kinderbuch, ab 5 Jahren, 14,00 €.

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