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Hagar, die Schreckliche

Über das Verlassen von Bubbles

Im Internet, insbesondere auf Twitter und Instagram, und auch beruflich bewege ich mich in meiner (zumindest im Privaten ganz persönlich eingerichteten) Blase. Dort führe ich Gespräche über Inklusion in Kitas und was diese wirklich (also WIRKLICH) bedeuten würde. Dort lese ich Nicht-Empfehlungen über Körperbücher für Kindergartenkinder, die ausschließlich binär sind. Dort spreche ich darüber, dass alle (also WIRKLICH alle) Kinder das Recht haben, dass ihre Lebensrealität in Kinderbüchern abgebildet wird. Dort setze ich mich mit gendergerechter Sprache auseinander, die gleichzeitig inklusiv ist. Dort habe ich Hashtags wie #klischeefreivorlesen oder #vielfaltdurchlesen abonniert. Kurzum: Meine Blase sieht aus wie im Bilderbuch, wenn damit zum Beispiel Alex, abgeholt!, Komm, wir zeigen dir unsere Kita oder Mio war da gemeint sind.

Deshalb war ich zunächst ein wenig überrascht, als Monsieur 3 und ich Hagar, die Schreckliche von Frauke Angel und Volker Fredrich zum ersten Mal gelesen haben. Es erzählt die Geschichte von Hagar aus der Sicht eines anderen Mädchens. Hagar ist neu in den Wohnblock gezogen und sie macht wirklich alles anders als die anderen Kinder und vor allem deren Mütter (Hagars Eltern treten nicht in Erscheinung): Sie hat einen ungewöhnlichen Namen und trägt komische Klamotten, hinterfragt geschriebene und ungeschrieben Gesetze und klettert letztendlich weit hoch in den im Hof stehenden Apfelbaum, obwohl das doch eigentlich verboten ist. Am Ende haben wir ein Happy End: Alle anwesenden Mütter stellen fest, dass sie eigentlich gar nicht wissen, warum all diese Regeln aufgestellt wurden und die strengste von allen – Frau Rosenkötter – bietet an, Apfelkuchen zu backen.

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Hagar, die Schreckliche. Tulipan 2022

Wie gesagt: Ich war überrascht. Eine Gruppe von weißen Kindern mit ihren Müttern? Frauen, die den ganzen Tag am Rand einer Sandkiste sitzen und sich über Rezepte und Frisuren austauschen? Schilder, auf denen „Fußball spielen verboten!“ oder „Kein öffentlicher Spielplatz!“ stehen? Eine Welt, die aus einer Sandkiste, zwei sauberen Mülleimern und einem großen Baum besteht und in der ein blondes Mädchen mit Pumphose und ungewöhnlichem Namen für Aufruhr sorgen kann? Welche Gesellschaft soll das abbilden?

Nun ja, meine nicht. Klar. Und auch nicht die, die wir in Berlin Prenzlauer Berg oder in Hamburg Ottensen oder gar auf Instagram vorfinden. Doch das bedeutet ja nicht, dass es diese Gesellschaft mit ihren gepflegten Rasenflächen, mit arbeitenden Vätern und Sandkuchen backenden Müttern, mit ihren Regeln und Verboten nicht gibt. Jede Gesellschaft hat ihre Ordnung, die es um jeden Preis sicherzustellen gilt. Und die Ordnung, die wir hier sehen, ist die eines Wohnblocks, in dem offenbar wenig bis keine Menschen mit Migrationshintergrund leben und mit heteronormativen Familien, in denen die Care Arbeit sehr klar geregelt ist.

Auf mich und meine Blase wirkt Hagar vollkommen normal: Ein Mädchen, das sich vielleicht gern ein wenig verrückt anzieht, sehr selbstbewusst, sehr selbstwirksam. Ein Mädchen, das Fragen stellt und Dinge infrage stellt. Solche Kinder wünschen wir uns doch. Der etwas ungewöhnliche Name? Geschenkt! Jimi Blue, Fee und Bosse lassen schön grüßen! Dabei sollten wir uns allerdings regelmäßig vergegenwärtigen, dass wir nun einmal wirklich in unseren Blasen leben und dass es noch zahlreiche andere Blasen gibt, in denen das alles nicht so gut ankommt.

Hagar, blond und weiß, braucht nur einen hebräischen Namen („Fremde“) und eine orientalisch anmutende Hose, um große Abneigung hervorzurufen:

„Wie heißt das Mädchen?“ fragt Frau Rosenkötter jetzt zum dritten Mal und klopft auf ihren Sandkuchen. Die anderen Mütter antworten: „Hagar!“ Frau Rosenkötter schüttelt den Kopf. Ihre neue Frisur sitzt wie ein Helm und wackelt kein bisschen. „Das ist ja schrecklich!“

Schrecklich findet Frau Rosenkötter auch Hagars Frisur, die kein Helm ist und sehr doll wackelt. Aber Hagars Klamotten findet sie noch viel schrecklicher. „Was soll das sein? Ein Rock? Eine Hose? Oder ein fliegender Teppich?“ knurrt Frau Rosenkötter. Doch sie bekommt keine Antwort. Denn die anderen Mütter glotzen.

Hagar, die Schreckliche. Tulipan 2022

Da stelle ich mir natürlich direkt die Frage, wie zum Beispiel meine Familie in diesem Hof ankommen würde. Vermutlich würde man uns noch feindseliger beäugen. Wenig überraschend, dass wir viele Regionen in Deutschland („Urlaub im eigenen Land! Deutschland hat so schöne Ecken!“) schlicht meiden. Dasselbe gilt für Geflüchtete oder für queere Familien, kurz: Alle, die nicht der Norm einer Frau Rosenkötter entsprechen, meiden diese Ecken so gut sie können (Wohl denen, die ihre Urlaubsorte und Wohngegenden nicht ausschließlich vom Budget abhängig machen müssen!).

Das Gute ist ja: Für uns gibt es mittlerweile recht viele Bücher und Serien, in denen wir uns wiederfinden können, in denen vielfältige Protaginst:innen Abenteuer aller Art erleben dürfen. Frauke Angel hat ein Bilderbuch für die Kinder von Frau Rosenkötter (und die Kinder der Mütter, die den Mund nicht aufkriegen) geschrieben. Denn auch die haben ein Recht darauf, sich und ihre Lebenswirklichkeit in Büchern wiederzufinden und ihren Horizont zu erweitern, indem gewisse Dinge infrage gestellt werden. Was sie daraus machen, bleibt dann ihre Sache. Aber immerhin haben sie dann Hagar kennengelernt.

Frauke Angel, Volker Fredrich: Hagar, die Schreckliche. Tulipan 2022, ab 4 Jahren, 15,00 €. (Leseprobe)


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