40 Working Moms erzählen, wie es funktionieren kann – und ich denke mir meinen Teil

Ich weiß gar nicht, ob ich bisher so rübergekommen bin, doch es ist wohl an der Zeit zu erzählen, dass ich alles zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie verschlinge – jeden Blogartikel, jedes Interview, jedes verdammte Dossier in der Brigitte. Weil ich ein großer Freund davon bin, über den eigenen Tellerrand zu gucken und sich Tipps von anderen zu holen – nicht nur beim Thema Vereinbarkeit.

Dabei ist es aus zwei Gründen eigentlich sehr ungewöhnlich, dass ich mich so für eine sogenannte Karriere neben meiner Mutterschaft interessiere. Zum einen habe ich nämlich das falsche Studium gewählt, um in der heutigen Zeit – ob mit oder ohne Kindern – Karriere machen zu können. Literaturwissenschaft, ein typisches Frauenfach! Ein Studienfach ohne Aussicht auf Ruhm, Geld und Erfolg! Frauen wählen das Fach aufgrund ihrer Neigungen, nicht aufgrund der Karrierechancen! Ihr seht – ich habe sie wirklich alle gelesen, diese Artikel zum Thema Frauen und Karriere.

Aber nun gut, ich war 19 Jahre alt, als ich mich so entschieden habe. Ich war schlecht in Mathe, Physik, Biologie und Chemie, dafür gut in Deutsch, Geschichte, WiPo und Englisch. Demnach gehe ich nicht davon aus, dass es mir und der Welt irgendetwas gebracht hätte, wenn ich entgegen meiner Neigungen ein Studium der Ingenieurwissenschaften gewählt hätte.

Ich schloss mein Studium mit einer sehr guten Note ab, dachte, die Welt stünde mir offen – und fiel recht schnell auf den Boden der Tatsachen. Ich möchte Euch nicht mit meiner Jobbiographie langweilen, nur so viel: Mein Interesse an Karrierethemen ist wohl in erster Linie dem Umstand geschuldet, dass ich noch nie in meinem Leben mit einem Job so richtig zufrieden war. Traurig, aber wahr. Entweder war die Tätigkeit doof oder das Umfeld, entweder stimmten die äußeren Bedingungen nicht oder meine inneren.

Geisteswissenschaftler unter sich

Der Blick über den Tellerrand zeigt mir, dass in meinem Studienumfeld (und da ziehe ich die Kommilitonen aus ähnlich aussichtsreichenlosen Studiengängen wie Kunstgeschichte, Politikwissenschaft oder Europäische Ethnologie mit ein) gerade einmal zwei Menschen so etwas wie eine Karriere gemacht haben. Die eine Person hatte durch ihr Elternhaus die finanzielle Möglichkeit, so lange unbezahlte Praktika und schlecht bezahlte Volontariate zu machen bis es nicht mehr ging und man sie einstellen musste – auch, weil sie in dieser langen Zeit zeigen konnte, was sie kann. Nach wie vor ist diese Person kinderlos. Die andere Person ist ein schwuler Mann, der es durch unermüdlichen Einsatz in der Hamburger Agenturszene zu etwas bringen konnte. Der Rest von uns krebst eben so rum. Unterrichtet auf Honorarbasis. Hangelt sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten. Nimmt jeden Job an, der irgendwie passt. Ist Projektleitung.

Nun habe ich relativ schnell nach Beendigung meines Studiums meinen ersten Sohn bekommen, lange Zeit war ich in meinem Bekanntenkreis die einzige Mutter. Erst seit etwa ein, zwei Jahren sehe ich ehemalige Kommilitoninnen ihr erstes Kind durch den Park schieben. Bei manchen weiß ich nicht, was sie beruflich machen, doch irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass es bei Ihnen irgendwie anders gelaufen ist als bei uns.

Ich kann nicht sagen, ob meine nicht vorhandene Karriereleiter meiner Mutterschaft geschuldet ist. Wenn ich mir die kinderlosen Geisteswissenschaftler ansehe, scheint es fast nicht so zu sein. Die Zeiten sind einfach schlecht für uns. Mit anderen Akademikern überschwemmen wir den Arbeitsmarkt, der einfach gar nicht so viele Arbeitsplätze für uns bereithält wie wir bräuchten.

Nichtsdestotrotz macht mich meine Mutterschaft vielleicht noch ein bisschen unattraktiver für diese wenigen gut bezahlten Stellen, die es hier gibt. So genau kann ich das nicht sagen, weil es mir natürlich noch niemand ins Gesicht gesagt hat bei Absagen.

Drei ganz normale Wochen im Herbst

Und ich kann das durchaus verstehen. Dafür muss ich mir nur die letzten Wochen ansehen. Erst hatten wir ein Problem mit den Schulferien, weil der Hort lediglich eine der zwei Wochen betreuungstechnisch abdeckt. Dieses Problem konnte dadurch gelöst werden, dass ich krank wurde und Zuhause bleiben musste konnte durfte. Die erste Woche meines Krankseins waren alle drei Monsieurs nacheinander ebenfalls krank, jeder hustete zwei Nächte durch, da war dann die Woche auch schnell rum. Am darauffolgenden Sonntag fühlte ich mich schlechter als an dem Tag meiner Krankmeldung. Also wurde ich noch eine Woche krank geschrieben. Die Monsieurs waren schon wieder gesund, gingen in ihre diversen Einrichtungen und ich konnte mich ein wenig erholen.

Nach zwei Wochen Zuhause ging ich wieder zur Arbeit. Es war der Tag, an dem die beiden großen Monsieurs nacheinander Fußballtraining haben und ich ab Dienstschluss insgesamt drei Stunden mit drei Kindern auf dem Fahrrad und in stickigen Umkleidekabinen verbringe und meine Hauptbeschäftigung darin besteht, Monsieur 3 bei Laune zu halten. An diesen Tagen rieche ich abends wie ein Iltis.

An diesem Montag fiel Monsieur 3’s Tagesmutter ein kleiner Pickel in seinem Gesicht auf – für sie ganz eindeutig Hand-Mund-Fuß. Ohne dies abzuklären, hätte sie Monsieur 3 am nächsten Tag nicht in ihre Wohnung gelassen. Da ich bereits zwei Wochen krank geschrieben gewesen war, kam es für mich natürlich nicht in Frage, pro forma mit Monsieur 3 Zuhause zu bleiben um zu sehen, wie sich dieser kleine Pickel entwickelt. Also: ab zum Kinderarzt. Nach Umkleidekabine und Turnhalle alle drei Monsieurs zum vierten Mal an- und ausziehen, insgesamt waren wir anderthalb Stunden im Wartezimmer. Nach zehn Stunden außer Haus kamen wir endlich wieder dort an, übrigens mit dem Ergebnis, dass es kein Hand-Mund-Fuß war.

Die Woche nahm dann ihren Lauf, man könnte noch erwähnen, dass sie ein wenig überschattet von der Zeitumstellung wurde – Monsieur 3 wacht seitdem um fünf Uhr auf, ab vier Uhr wird er bereits unruhig. Mein Körper reagierte darauf, indem er einfach noch früher wach wurde. Diesen Freitag wachte ich um drei Uhr auf. Als ich mittags von der Arbeit zum Kindergarten fuhr, war ich so müde, dass ich dachte, ich würde gleich vom Fahrrad kippen. Mit einem kleinen Deal konnte ich Monsieur 2 überreden, das für 17 Uhr anstehende Laternelaufen des Kindergartens ausfallen zu lassen – was eine gute Entscheidung war, denn um 17:30 Uhr fing er an sich zu übergeben…

Und täglich grüßt das müde Gewissen

An dieser Stelle höre ich auf. Ihr kennt das alles, Ihr seid Eltern. Das ist das Normale. Denn so wie ich nur Geisteswissenschaftler kenne, bei denen es beruflich nicht wirklich steil nach oben geht, so kenne ich auch nur Eltern, die das, was unser Oktober war, genauso erleben. Eltern, die müde sind, kaputt und krank. Eltern, die ein schlechtes Gewissen haben, dem Arbeitgeber gegenüber, den Kindern gegenüber, dem Partner gegenüber. Die Reflektiertesten haben vielleicht auch noch ein schlechtes Gewissen gegenüber sich selbst.

Ich schreibe bewusst „Eltern“, denn Familien mit der angeblich klassischen Rollenverteilung – er Vollzeit und desinteressiert, sie Teilzeit und alles machend – kenne ich gar nicht so viele. Ich kenne Väter, die ihre Selbstständigkeit um das Familienleben herumbauen und Elternpaare, die beide um die 35 Stunden arbeiten, damit es funktioniert. Ich kenne Eltern wie uns, die beide Teilzeit arbeiten. Ich kenne Mütter und Väter, die noch einmal studieren oder erst nachdem sie Kinder bekommen haben ins Referendariat gehen. Ich kenne Mütter, die sich nach der Geburt ihrer Kinder selbstständig gemacht haben, weil der zuvor ausgeübte Beruf nicht mehr machbar war. All diese Eltern, die ich kenne, eint aber eines: Sie sind alle fix und fertig. Mal mehr, mal weniger natürlich: Der Sommer läuft besser als der Winter, wenn man nur ein Kind hat, ist man wenn man Glück hat, seltener krank als bei mehreren Kindern – und doch sind alle in der Regel müde und kaputt.

Mut zu Kindern und Karriere

Dies war und ist meine Ausgangslage, das waren meine Gedanken, als mir im Internet plötzlich Mut zu Kindern und Karriere über den Weg lief. 40 Working Moms erzählen, wie es funktionieren kann. Wow. Muss ich haben. Denn mit meinen drei Kindern und meinen dreißig Wochenstunden plus Überstundenregelung für Abend- und Wochenendveranstaltungen bin ich doch eine Working Mom, oder? Eine arbeitende Mutter, die unbedingt lesen und hören möchte, wie andere schaffen, dass es funktioniert.

Dieser Zahn wurde mir relativ schnell gezogen. Der Begriff Working Mom wird nämlich in diesem Buch ebenso verwendet wie in den Feuilletons: Es ist nicht die arbeitende Mutter gemeint, sondern die Karriere machende Mutter – der Begriff Career Mom wäre also wesentlich angebrachter. Und damit wären wir eigentlich auch schon bei dem Punkt, weshalb ich diese lange Vorrede geschrieben habe: Eine Karriere als Literaturwissenschaftlerin ist eher selten und als Mutter noch seltener, ich weiß nicht, ob ich jemals auch nur im Ansatz an die Gehaltsstufen der im Buch vorgestellten Frauen kommen werde, den Marketingmanagerinnen und Anwältinnen, den Betriebswirtinnen und Wirtschaftsingenieurinnen.

Ob das wichtig ist? Ja, das ist es scheinbar. Möchtet Ihr die Lösung dieser Working Moms hören, möchtet Ihr wissen, wie es funktionieren kann? Es kann nämlich funktionieren – durch Outsourcing. Putzfrauen, Kinderfrauen und Haushälterinnen übernehmen die Aufgaben Zuhause, hüten die Kinder, überwachen Hausaufgaben, kochen gesundes Essen und sind – mein Lieblingspunkt – auch bei leichten (!) Krankheiten der Kinder zur Stelle, damit die Working Mom unbesorgt zur Arbeit gehen kann.

Ich finde Outsourcing übrigens gut, aber darüber kann man natürlich streiten, ich weiß. Ich für meinen Teil fände es toll, wenn eine Putzfrau meine Wohnung putzt und mir dadurch mein schlechtes Gewissen gegenüber Monsieur 1 und seiner extremen Hausstaubmilbenallergie nehmen würde. Es wäre ebenfalls großartig, wenn eine Kinderfrau oder zumindest ein Au Pair unsere Jungs von Tagesmutter, Schule und Kindergarten abholen würde. Mit der gewonnenen Zeit könnte ich mindestens eine Stunde länger arbeiten. Am besten wäre es, wenn eine Haushälterin uns etwas Leckeres kocht und wir abends einfach alle am Esstisch zusammen kommen und das gemeinsame Mahl genießen. Quality Time! Die Monsieurs könnten von ihrem Tag erzählen, mein Mann und ich wären weder durch die Hetzerei des Tages oder die Streitigkeiten bei den Hausaufgaben noch durch schnelles Essen-auf-den-Tisch-bringen-Müssen oder die Wäsche gestresst und könnten uns nachdem die Monsieurs im Bett sind noch angeregt über unsere Arbeit oder die Weltpolitik unterhalten. Ich stelle mir das eigentlich sehr schön vor. Ich arbeite nämlich lieber als dass ich putze, wasche und räume. Allein: Es fehlt das Geld. Und das ist vermutlich nicht nur bei uns so, sondern bei den meisten anderen Familien auch – angefangen bei den Putzfrauen und Essenslieferanten, die vielleicht auch eine Familie haben.

Mut oder Geld?

Was ich damit sagen möchte: Outsourcing ist schön – aber für die große Mehrheit nicht die Lösung, denn es ist schlichtweg für viele nicht finanzierbar. In diesem Buch ist es die Universallösung für die Working Moms – zweimal wurden noch Großeltern als stützende Kraft erwähnt, die kostengünstige Alternative zur unerschrockenen Kinderfrau, die auch bei Hand-Mund-Fuß die Stellung hält.

Aber nun gut, ich erwähnte zu Beginn, dass ich gerne über den Tellerrand schaue, warum also nicht von einer Vorstandsvorsitzenden oder Geschäftsführerin lernen, einmal außen vor gelassen, dass sie wesentlich mehr finanzielle Mittel zur Verfügung hat. Wie machen die das in so einem Monat wie unserem Oktober?

Working Moms sind niemals müde

Keine Ahnung, ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Es scheint solche Monate bei Working Moms nicht zu geben, kein Hand-Mund-Fuß mit einer Woche Quarantäne, kein Magen-Darm-Virus, der nach und nach die ganze Familie befällt, keine durchgehusteten Nächte. Stattdessen fällt häufig in den Erfahrungsberichten – die ja Mut machen sollen – der Satz: „Ich habe niemals gefehlt, weil die Kinder krank waren!“

Ich weiß, dass jetzt einige laut aufschreien und konstatieren, dass kranke Kinder bei ihrer Mutter sein wollen – das einmal außen vor gelassen: Wo waren denn die kranken Kinder? Okay, die meisten dieser Working Moms haben also Kinderfrauen, die auch Krankheiten mitmachen. Sehr beneidenswert, besonders für jemanden, der auf eine Tagesmutter angewiesen ist, die einen bei einem kleinen Pickel sofort zum Arzt schickt. Doch selbst wenn diese Kinderfrau tagsüber aufs kranke Kind aufpasst, was ist mit den Nächten? Mit den Nächten, in denen man mehrfach vollgespuckte Bettwäsche wechselt oder stundenlang versucht, trockenen Kinderhusten irgendwie zu stillen? Kein Wort davon. Die Working Moms haben bei der Arbeit nicht gefehlt, Punkt. Kein Wort von Erschöpfung und Müdigkeit.

Ebenso übrigens auch beim Wiedereinstieg. Wer Karriere machen möchte, setzt kein ganzes Jahr aus, das wissen wir ja schon längst – der Wiedereinstieg bei den Working Moms wird aller spätestens vollzogen wenn das Kind sechs Monate alt ist. Auch hier lassen wir die „Ein Kind gehört zu seiner Mutter“-Diskussionen einfach mal außer Acht, jede Mutter kann und darf das für sich selbst entscheiden. Aber: Vollzeit arbeiten mit einem drei Monate alten Baby? Oh. Mein. Gott.

Bei meiner jetzigen Tätigkeit habe ich eine junge Mutter kennengelernt, die nach den acht Wochen Mutterschutz an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt ist, das Baby wurde Zuhause vom Vater betreut, der gerade seine Masterarbeit schrieb. Wir lernten uns kennen, als ich gerade angefangen hatte dort zu arbeiten und sie aus dem Mutterschutz zurückkam, es war unser erstes Gespräch. Ich fragte nach Geschlecht und Befinden des Babys und sagte zu ihr: „Respekt! Nach acht Wochen zurück zur Arbeit, bist du nicht unfassbar müde?“. Sie sah mich kurz an, wohl wissend, dass man eine dreifache Mutter nicht belügen kann wenn es um Müdigkeit geht, und sagte fast weinerlich: „Doch… irgendwie hatte ich mir das ganz anders vorgestellt, ich hatte nicht gedacht, dass man so müde ist!“. Mittlerweile hat sie ihre Stunden reduziert.

Abgesehen davon, dass die Kollegin und ich mit diesem Gespräch schon einmal alles falsch gemacht hatten (Working Moms sprechen bei der Arbeit nicht über ihre Kinder), bringt es einfach auf den Punkt, was Sache ist: Als Mutter bist du doch einfach todmüde, egal, ob Zuhause der Vater oder eine Kinderfrau auf deinen Nachwuchs aufpasst. Warum darf das nicht gesagt werden, weder bei der Arbeit, noch in einem Buch, das Müttern Mut machen soll?

In was für einer Welt leben wir eigentlich?

Was ist das für eine Welt, in der man weder wegen kranker Kinder fehlen noch über diese sprechen darf? Und welche Welt bricht zusammen, wenn man ein paar Mal aufgrund kranker Kinder fehlt? In meinem Berufsleben ist nicht einmal etwas wirklich Schlimmes passiert wenn ich gefehlt habe. Nichtsdestotrotz habe ich natürlich jedesmal ein schlechtes Gewissen und das ist dieser Gesellschaft geschuldet, die jedem ihrer Mitglieder diese unsägliche Präsenzkultur suggeriert. Lasst es Euch gesagt sein: Kein Mensch ist unersetzbar! Wenn ein Unternehmen, ein Projekt  oder was auch immer von mehreren Schultern gestemmt wird, kann man auch einmal müde mit seinem hustenden Kind Zuhause bleiben – und springt beim nächsten Mal für den müden Kollegen ein. Vorausgesetzt natürlich, dass alle zugegeben haben (!), dass sie Eltern sind.

Ich denke nicht, dass Vereinbarkeit funktioniert, indem man als Frau und Mutter, ach was sag ich, als Eltern einfach die über Jahrhunderte gewachsenen männlichen Strukturen übernimmt: bei der Arbeit nicht über Kinder sprechen, in deren Krankheitsfall nicht ausfallen, bis in die späten Abendstunden erreichbar sein, etc. Dieses Modell wird auch den Männern und Vätern, die ich kenne, nicht gerecht. Aber was weiß ich denn schon in meinem akademischen Prekariat, mit einem Bekanntenkreis, der ebenfalls nicht in DAX-dotierten Unternehmen arbeitet?

Nicht viel. Nur, dass sich etwas ändern muss in unserer Arbeitskultur. Und dass diese Änderung nichts damit zu tun hat, unangenehme oder zeitraubende Dinge durch Outsourcing loszuwerden. Es muss in den Köpfen der Menschen ankommen, dass es vollkommen okay ist, dass Eltern arbeiten. Dass sie manchmal müde sind. Dass ihre Kinder manchmal krank sind. Dass man um 21 Uhr keine Mails mehr schreiben muss, wenn man das nicht unbedingt möchte. Dass kaum eine Welt untergeht, wenn man mal nicht präsent ist. Donald Trump ist Präsident und die Welt geht nicht unter – wenn ich bei meinem kranken Kind Zuhause bleibe aber schon?

Was ist zu tun?

Also, was können wir tun? Starten Revolutionen von oben oder von unten? Ich würde sagen, die Zeit ist reif, dass von beiden Seiten daran gearbeitet wird, vielleicht werden wir dann schneller fertig. Wir hier unten, wir Working Parents, die wir häufig einfach nur einen Job haben, um Geld zu verdienen, arbeiten weiter an unserem schlechten Gewissen und unserem professionellen Auftreten und hören auf uns zu schämen weil wir Eltern sind.

Und Ihr da oben, Ihr Career Parents, Ihr tut bitte das gleiche. Ihr macht einen großartigen Job und Ihr seid so weit gekommen – dorthin, wo Strukturen geschaffen werden. Ihr könnt diese Strukturen mitgestalten, weit ab von Präsenzkultur und Geklüngel auf der Herrentoilette könnt Ihr Arbeitsbedingungen schaffen, die für alle gesellschaftlichen Schichten gelten – aber bitte nicht, indem Ihr Eure Kinder verschweigt, als würden diese nicht Teil dieser Gesellschaft sein. Das würde mir Mut machen.

Und was mache ich derweil? Ich fahre weiterhin zur Arbeit und hoffe auf eine Stelle mit Homeoffice. Halbiere das Fußballtraining der Monsieurs von zweimal auf einmal pro Woche. Und outsource ebenfalls, im Rahmen meiner Möglichkeiten: Heute habe ich das erste Mal Lebensmittel bei Rewe bestellt, damit wir den Samstagnachmittag gemeinsam als Familie verbringen können. Und bei all dem gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass es irgendwann besser wird, mein Leben als Working Mom.

Working Moms (Hg.), Stefanie Bilen: Mut zu Kindern und Karriere. Frankfurter Allgemeine Buch 2016, 24,90 €.

ISBN/EAN: 9783956011597
Sprache: Deutsch
Umfang: 182 S.
Erschienen am 25.10.2016

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