Das neue Bürgertum und sein Personal

Nachdem ich mich hier auf dem Blog in den letzten Tagen damit beschäftigt habe, wie man Kindern die Sommerferien, die eventuell endlos dauernden Fahrten zum Urlaubsort und die ganz sicher stattfindenden verregneten Ferientage versüßen kann, widmen wir uns heute endlich einmal wieder uns Eltern. Wir haben ja auch frei. Und wenn man ein paar Wochen nicht an die Arbeit denken muss, hat man trotz ständigem „Mama hier!“ und „Mama, da!“ ein wenig Hirnkapazitäten frei für kleine Nachdenkereien frei nach Erich Kästner.

Der eine oder andere wird sich vielleicht an meinen kleinen Wutausbruch im November erinnern, nachdem ich Mut zu Kindern und Karriere gelesen hatte (wer sich nicht erinnert oder damals noch nicht mit im Boot war: hier ist er). Das ist dieses Buch, in dem Karrierefrauen berichten, wie sie Karriere gemacht haben. Zusammengefasst: Sie sind nicht Zuhause geblieben, wenn die Kinder husteten und sie haben nie bei der Arbeit über ihre Kinder gesprochen. Und ein nicht zu vernachlässigender Aspekt: Sie hatten aufgrund ihrer Ausbildung und Herkunft die Möglichkeit, Karriere zu machen.

Mich hat dieses Thema in den letzten Monaten nicht losgelassen und nun komme ich endlich dazu, mich ausgiebiger damit zu beschäftigen. Denn das, was mich am meisten stört, ist der Punkt, dass das vermeintliche Geheimrezept all dieser Karrierefrauen dasselbe ist: Outsourcing. Und da bei den wenigsten die Großeltern einspringen können: bezahltes Outsourcing. Alles, was für die Karriere hinderlich ist, wird in die Hände von Kinderfrauen, Babysittern, Reinigungskräften und Fahrern gegeben, damit die Mütter den Rücken frei haben, um ausreichend Mut zu Kindern und Karriere zu entwickeln.

Nun hatte ich mich in meinem kleinen Wut-Artikel bereits dazu geäußert, dass das als Literaturwissenschaftlerin finanziell irgendwie alles ein wenig anders aussieht als als Top-Juristin. Aber natürlich sourcen auch wir innerhalb unserer Möglichkeiten out: Da wir kein Auto haben, bestellen wir Getränkekisten, geshoppt wird aus Zeitmangel im Internet und wenn die Müdigkeit um 18 Uhr mal wieder allzu groß ist, wird eben Pizza bestellt. Die Folge (da ja nicht nur wir so handeln): Ein Heer aus schlecht bezahlten Arbeitnehmern ist entstanden und wächst kontinuierlich an. Ohne Aussicht auf Aufstieg wird gekocht, geputzt, geliefert, gewaschen, gepflegt und auf Kinder oder Hunde aufgepasst.

Diesem Phänomen hat sich Christoph Bartmann angenommen, der von 2011 bis 2016 Direktor des Goethe Instituts in New York war – und wie wir wissen, sind die USA in vielem Vorreiter. So auch hier.

Deshalb beginnt Die Rückkehr der Diener auch mit einem Einblick in die New Yorker Servicewelt, in der das Leben ab Mittelschicht aufwärts ohne Doorman, Concierge und Hundesitter nicht mehr zu funktionieren scheint. Nicht einmal mehr zur Post muss man gehen, jeder Botengang, jede zeitraubende Unannehmlichkeit wird von den domestic workers übernommen.

Im zweiten Kapitel widmet sich Christoph Bartmann der Selbstbefragung vor dem eigenen Haushalt (Was gebe ich ab, um Zeit für eine vermeintlich hochwertigere Tätigkeit zu haben? Warum koche ich lieber selbst?) um dann in den folgenden beiden Kapiteln eine kulturgeschichtliche Einordnung der Dienstleistung zu geben, und zwar sowohl der menschlichen als auch der technischen Dienstleistung. Noch ist die viel beschriene digitale Zukunft nicht so weit, menschliche Niedriglöhner zu ersetzen, doch Christoph Bartmann gibt schon einmal einen Ausblick auf das, was kommt.

Hier könnt Ihr Euch die Leseprobe ansehen. Kulturwissenschaftlich ist Die Rückkehr der Diener hochinteressant, ich wünschte, es beschriebe ein weit zurückliegendes Phänomen, das ich in meiner Abschlussprüfung im Fach Volkskunde beschreiben soll (denn daran erinnert es mich ein wenig, in meiner mündlichen Prüfung damals sprach ich über den Einzug der Haushaltsgeräte in den 1950er Jahren in den USA). Doch leider ist es hochaktuell und auch hochpolitisch:

„Die Beschäftigung von häuslichen Assistenten muss kein moralischer Makel sein. Trotzdem ist diese Art des leistungsgetriebenen Privilegiertseins gekoppelt an die Erzeugung von Unterprivilegierten, deren eigene Vereinbarkeitsprobleme von ihnen selbst zu lösen sind. Es geht uns in der Regel in den meisten Hinsichten besser als denen, die für uns arbeiten. Wir schulden ihnen faire Behandlung und eine angemessene Bezahlung, aber sicher nicht die Einebnung unseres Privilegs. Die moralische Beschwichtigung fällt leichter, wenn wir uns sagen, dass unsere Hilfsbedürftigkeit ja ein Produkt von eigener harter Arbeit ist.“

Christoph Bartmann: Die Rückkehr der Diener, Seite 22

Schwierig. Gerade wir berufstätigen Eltern haben wie ich finde jedes Recht, uns Freiräume zu erkaufen, denn dieses „ganze Dorf“, das es braucht, gibt es nicht mehr, schon gar nicht kostenlos. Doch die, die kochen, putzen, liefern, waschen, pflegen und auf unsere Kinder aufpassen, haben meist auch Kinder. Und vielleicht sogar pflegebedürftige Eltern. Wer passt auf die auf? Welche Freiräume können sich von einem Gehalt erkauft werden, das gerade mal zum Leben reicht?

Ich habe keine befriedigende Antwort (schließlich – leider? – bin ich Literaturwissenschaftlerin und keine Sozialökonomin). An mir nagt die soziale Ungerechtigkeit. Und am 24. September ist Bundestagswahl.

Christoph Bartmann: Die Rückkehr der Diener. Hanser 2016, 22 €.

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