#DubistDemokratie

Ich war zwölf Jahre Mitglied in einer Partei (mit Ämtern!) und seit ich im Januar dieses Jahres meine Mitgliedschaft gekündigt habe (und die Ämter!) fühle ich mich politisch sehr heimatlos und gehöre plötzlich zu der Gruppe der gefürchteten, weil nicht einzuschätzenden Wechselwähler.

Für die Menschen, die Wahlprognosen erstellen, tut mir das nicht leid, eher für mich. Fünfzehn Jahre lang immer dieselbe Partei gewählt, von der Kommunal- bis zur Bundestagswahl, Kreuzchen gemacht, fertig. Und nun?

Doch darüber wollte ich gar nicht sprechen, das tat ich bereits vor der Landtagswahl im Mai, als ich über mein Wahl-O-Mat-Ergebnis schrieb. Seitdem hat sich in dieser Hinsicht leider nichts geändert, der Bundestagswahlkampf hat es fast noch verschlimmert und vermutlich stehe ich nächsten Sonntag wie schon im Mai so lange in der Wahlkabine, bis mein Mann mit den Wahlhelfern scherzt, warum das so lange dauert, und komme dann erschrocken über mein eigenes Kreuz wieder hinaus.

Worüber ich eigentlich schreiben wollte: Ein Grund, warum ich meine Parteimitgliedschaft beendete, war die Tatsache, dass man in meiner dieser Partei immer lauter nach den Jungen rief, weil man Angst hatte, dass die Partei vergreise. Nun fühle ich mich mit meinen Mitte, bald Ende 30 noch relativ jung, wenn ich nicht gerade eine Fiebernacht mit einem mittelohrentzündungsgeplagten Kind hinter mir habe, und unser neuer schleswig-holsteinischer Ministerpräsident wurde auch diverse Male auf sein jugendliches Alter angesprochen – er ist 44. Wonach meine diese Partei allerdings rief, waren die ganz Jungen. Und sie kamen.

Ende zwanzig, das Politik-, Islam-, Sozialwissenschaftsstudium pünktlich beendet, um Berufspolitiker zu werden. Toll. Und die sollten mich nun vertreten beziehungsweise ich sollte für sie Wahlkampf machen? Zwischen Job, Kindern, Vereinbarkeit, Paarzeit, Mittelohrentzündungen, Hausaufgabenbetreuung, Freizeit, Me-Time, Läusekontrolle und Fußballspielen am Sonntagmorgen? Wie kann jemand meine Interessen vertreten, dessen stressigste Aufgabe es bisher war, eine Masterarbeit abzugeben? Und warum rief meine diese Partei nicht nach jüngeren (eben nicht ganz jungen) Menschen, die vielleicht schon ein bisschen diesen Jobsuche-Kinderplanung-Wohngeld-Hausbau-Elternzeit-Karriere-Karriereknick-Kinderbetreuung-Wahnsinn erlebt haben und sich deshalb vielleicht ein wenig besser vorstellen können, wie ihre Wähler sich fühlen und was sie vielleicht brauchen?

Ich sag’s Euch: Weil wir keine Zeit haben. Im Gegensatz zu den ganz Jungen, die noch alles vor sich und den ganz Alten, die ihre Schäfchen bereits im Trockenen haben, haben wir keine Zeit. Wir haben keine Zeit, auf stundenlangen Ortsbeiratssitzungen dem Palaver älterer Herren, die sich gern reden hören, zu lauschen, damit vielleicht irgendwann einmal ein Kreisvorsitzender auf uns aufmerksam wird und uns ein besseres Amt anbietet, bei dessen Ausübung wir wieder dem Palaver älterer Herren lauschen und fast dabei einschlafen, weil wir die Nacht neben einem mittelohrentzündungsgeplanten Kind verbrachten und morgen früh wieder zur Arbeit müssen.

Wir haben keine Zeit. Und keine Kraft. Und keine Kapazitäten. Und das ist vermutlich der Grund, warum ich unsere Generation, die in der „Rush Hour“ des Lebens, in der Politik so vermisse. Politisch heimatlos, wie ich nun bin, sehe ich mir die für mich in Frage kommenden Parteien ganz genau an und meistens ergibt sich dasselbe Bild: Es gibt die ganz Jungen, die – mit den Augen ihrer Parteizugehörigkeit – gute Ideen haben und es gibt die Alten, die sie umsetzen – oder auch nicht. Familienmenschen, die ihr Kind öfter als mittwochs von der Kita oder aus der Privatschule abholen, sehe ich selten.

Vermutlich, weil es nicht machbar ist, genauso wenig wie die berufliche ist auch die politische Karriere ohne Outsourcing nicht möglich und Familie gerät da schnell in den Hintergrund – außer natürlich für konservative Männer, denen allein durch ihre Eheschließung der Rücken frei gehalten wird, da ist dann kein Outsourcing nötig.

Worauf will ich hinaus? Wenn wir wollen, dass Familienpolitik mehr Priorität bekommt (und damit meine ich nicht nur Klientel-Politik, sondern auch sowas hier), dann muss sich etwas ändern. Wir müssen uns verändern und die Müdigkeit vielleicht Müdigkeit sein lassen, da raus gehen, in die Parteien, in die Ortsbeiräte, in die Arbeitskreise, das Gerede ertragen, uns mit anderen Familienmenschen vernetzen, einen Family-Think-Tank aufbauen (Danke, Frau Hasenherz!) und zeigen, wo es bei Familien- und Bildungsthemen wirklich hakt. Vielleicht habe ich auch im Januar zu schnell das Handtuch geschmissen, vielleicht hätte ich mich besser vernetzen und nach anderen Eltern Ausschau halten müssen. Vielleicht.

Doch auch die Parteien müssen sich verändern, mehr Diversität zulassen, nicht mehr den belohnen, der am häufigsten die Bratwurst auf dem Parteifest umdreht oder am besten alles zusammenfassen kann, was bereits dreimal gesagt wurde. Nur durch Vielfalt, unterschiedliche Lebensentwürfe und lebendige Diskussionen können Parteiprogramme entstehen, die nah an uns Menschen sind. Die Vielfalt unserer Gesellschaft muss sich in jeder Partei widerspiegeln, da reicht weder ein Homosexueller, noch eine Frau mit Migrationshintergrund noch eine stillende Mutter pro Partei.

Junge Menschen, die gerade aus dem Studium kommen, sind genauso wertvoll wie ältere Menschen, die sich schon über Enkelkinder freuen und den ganzen Rush-Hour-Wahnsinn bereits hinter sich haben. Die Erfahrung von Menschen mit Migrationshintergrund ist genauso wichtig wie die von denen, die schon mal Wohngeld beantragt haben. Und ja: Auch die Meinung von denen, die bereits mit achtzehn mit Aktenkoffer zur Schule gingen, ist wichtig. Denn das alles ist Deutschland.

All diese Menschen möchte ich in den nächsten Jahren im Bundestag und auch in den Landtagen sehen. Also setze ich am Sonntag mein Kreuz bei der Partei, von der ich glaube, dass sie da mit mir einer Meinung ist. Zur Bundestagswahl gehen, ist momentan der einzige politische Akt, den ich machen kann – vielleicht hattet Ihr es schon geahnt: Ich habe die letzten Nächte mit einem mittelohrentzündungsgeplagten Kind verbracht. Ich bin sehr müde.

Und das seid Ihr auch, ich weiß. Doch es muss sich was ändern, packen wir’s an!

Mit Dank an Große Köpfe und Muttergefühle und ganz viel Respekt für Mama arbeitet, die in dem ganzen Alltagswahnsinn als Alleinerziehende noch Kommunalpolitik macht!

 

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