Landtagswahl in Schleswig-Holstein

In den letzten fünfzehn Jahren habe ich vor Wahlen vielleicht zweimal den Wahl-O-Maten bemüht (Vermutlich gibt es den gar nicht seit fünfzehn Jahren, oder?) und das auch nur als kleinen Gag, weil ich ja ohnehin wusste, wen und was ich wählen würde.

Das ist in diesem Jahr zum ersten Mal anders – im Januar habe ich meine Mitgliedschaft bei dieser kleinen, umweltbewussten Partei, die einst aus der 68er Bewegung entstand und sich dann immer mehr Richtung Establishment bewegte, beendet.

Diesen Entschluss fasste ich während unseres Marokko-Urlaubes, wir gingen wie jeden Tag am Strand entlang, gleichzeitig machten Cem und Katrin Simone fertig, weil die den Polizeieinsatz in Köln kritisierte und ich dachte plötzlich: „Jetzt reicht’s! Ihr nervt mich in meiner Stadt, ich nervt mich im Land und jetzt nervt ihr mich auch noch im Bund – ich bin raus!“

Zurück in Deutschland kündigte ich meine Parteimitgliedschaft, trat offiziell von meinen Ämtern zurück (Ja, ich hatte Ämter. Ja, man muss dann zum Beispiel persönlich an den Stadtpräsidenten schreiben, um diese Ämter niederzulegen.) und wusste fortan nicht mehr, wen ich wählen sollte. Die Grünen jedenfalls nicht.

Dass das nicht nur mir so ging, las ich dann plötzlich auch in der Zeitung und im Internet. Mist, schon wieder Mainstream! Ich dachte, das wäre eine höchst individuelle Entscheidung gewesen, im Januar, am marokkanischen Sandstrand.

Eine Umfrage im Bekanntenkreis brachte keine Lösung, von „Ich wähle einfach die Kanzlerin!“ bis „Julia, wen sollen wir denn in diesem Jahr bloß wählen?“ war alles dabei. Doch da man ja nicht so einfach „die Kanzlerin“ wählen kann, da sitzen ja auch noch de Maiziere und Seehofer und Spahn mit auf der Bank, blieb also die offene Frage „Wen sollen wir denn in diesem Jahr bloß wählen?“

Die Antwort lautete: „Keine Ahnung!“, also: der Wahl-O-Mat. Und der spuckte genau das Ergebnis aus, das er immer schon ausgespuckt hatte, ich mag es gar nicht laut aussprechen, doch Ihr ahnt es sicherlich schon: Ich bin eine tiefrote Socke, die das Leben nur noch durch die Satire-Brille ertragen kann, gern Bio-Reiswaffeln kauft und ungern überwacht wird.

Politik, Familie
Mein Wahl-O-Mat-Ergebnis zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein

Was soll eigentlich ich dazu sagen? Und vor allem: Wen sollen wir denn in diesem Jahr bloß wählen? Ich werde wohl mein Gefühl entscheiden lassen müssen, soviel ist klar. Was noch unklar ist: Was wird mir wichtiger sein, Parteiprogramme oder Personen? Ist es mir wichtig, dass eine Partei in den Landtag einzieht, die ein Bewusstsein für Bienen hat oder dass es eine alleinerziehende Frau mit Migrationshintergrund tut, die sich vielleicht für Dinge einsetzt, von denen ich gar nicht will, dass man sich für sie einsetzt?

Was sonnenklar ist: Selbstverständlich gehe ich am Sonntag wählen. Weil ich es kann. Weil ich es muss. Weil es purer Luxus ist, worüber ich mir hier Gedanken mache. Zeitung. Internet. Ein Wahl-O-Mat. Eine Satire-Partei. Das Bewusstsein für Bienen. Und auch eine öffentliche Diskussion über Polizeieinsätze. Diesen Luxus nennt man Demokratie und die kann ich nur erhalten, indem ich wählen gehe.

Ich weiß nur zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren nicht, wen. Aber das besprechen wir alle vielleicht nochmal im September?

Dieser Artikel, mag er auch ein wenig desillusioniert sein, ist inspiriert von der Aktion #DubistDemokratie von Tollabea. Denn selbstverständlich gehe ich auch am Sonntag wählen, um meinen Kindern zu zeigen, dass das eine Selbstverständlichkeit ist. Eine luxuriöse.

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