Nicht um die Ecke oder Mütter und Smartphones

Was Kinder erleben wenn Mütter aufs Handy starren

Seit Monaten liegt hier ein Buch und wartet auf seine Rezension. Und ich tue mich schwer und winde mich und weiß nicht, wie ich’s angehen soll. Der regelmäßige Leser weiß, dass ich hier eigentlich nie Verrisse schreibe, genau genommen ist es nur zweimal vorgekommen (nämlich hier und hier). Bücher, die mir nicht gefallen, empfehle ich einfach nicht weiter und nur ganz, ganz selten ist es eben so, dass diese Bücher etwas in mir auslösen, so dass ich dann doch etwas dazu schreiben muss. Ihr ahnt es – heute kommt Nr. 3.

Argh – es ist nicht leicht. Das Buch ist nämlich von Dirk Steinhöfel, dem Bruder von Andreas Steinhöfel, beide sind mir seit dem gemeinsam aufgenommenen Hörbuch Dirk und ich grundsympathisch. Zudem ist es ein ganz wunderschönes Bilderbuch, mit tollen Ideen, großartigen Illustrationen. Allein. Die. Pointe. Macht. Alles. Kaputt.

Also gut, fangen wir an, es hilft ja nichts. Nicht um die Ecke erzählt in sehr wenigen Worten (Wäre es doch bei den wenigen Worten geblieben!) von Emma und ihrer Mutter, die eine labyrinthartige Parkanlage besuchen. Die Mutter sitzt auf einer Bank, Emma fährt mit ihrem Dreirad. „Nicht um die Ecke!“ sagt die Mutter, doch wie es eben mit so kleinen Dreiradfahrern ist, fährt Emma natürlich doch um die Ecke und um die nächste Ecke und um die nächste. Hinter diesen Ecken erlebt Emma Dank ihrer Fantasie großartige Dinge – Pferde galoppieren vorbei, Vögel fliegen über sie hinweg, Wirbelstürme lassen Herbstblätter aufwirbeln. Als Emma um ganz viele Ecken gefahren ist, kommt sie am Ausgang an, wo sie bereits von ihrer Mutter erwartet wird, weil diese sich Sorgen gemacht hatte. Und was sagt die Mutter zu Emma?

„Morgen lasse ich mein Handy Zuhause. Und dann nehme ich mir richtig viel Zeit für dich!“

Äh, what!? Wofür, frage ich mich da? Wofür will sie sich Zeit nehmen? Ihre Tochter von großartigen Abenteuer abzuhalten? Oder vom Dreiradfahren? Ich versteh’s nicht, ehrlich! Emma hatte eine tolle Zeit im Park, sie brauchte keinen Entertainer, der sie bespaßt, sie war vollkommen zufrieden mit sich und der Welt. Die einzige, die vermutlich irgendwann keine gute Zeit mehr hatte, war Emmas Mutter, als sie bemerkte, dass Emma weg ist. Also eigentlich müsste die Mutter zu sich selbst sagen: „Morgen gucke ich mal öfter vom Handy hoch, damit ich immer weiß, wo mein Kind spielt!“ Sagt sie aber nicht, denn es ist ja ein Bilderbuch für Kinder und nicht für Mütter. Obwohl es mit der Pointe wirkt wie ein Bilderbuch für Mütter – inklusive erhobenem Zeigefinger. Und das nervt mich leider.

Warum nun muss ich das ausgerechnet heute loswerden? Auf Twitter kursiert ein Artikel aus der Printausgabe der Süddeutschen Zeitung namens „Mama, mach aus!“

Die Wut ist groß, auch bei mir. Und da erinnerte ich mich wieder an Nicht um die Ecke. Scheinbar wird es jetzt der neueste Trend, Müttern ihre Smartphones madig zu machen. Latte Macchiato dürfen sie nicht mehr trinken, in der Öffentlichkeit stillen allerdings auch nicht und nun eben die Smartphones. Die armen Kinder! Aufschrei!

Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass wir hier nicht über Mütter sprechen, die zwölf Stunden am Tag Candy Crush spielen und dadurch keinen Blick für ihr Kind haben. Ich weiß nicht, ob es diese Mütter gibt, aber wir sprechen vermutlich über solche, die zur Zielgruppe der Süddeutschen Zeitung zählen, denn für wen sollte so ein Text geschrieben werden? Vielleicht für die Väter, die wie so oft schön aus allem herausgehalten werden.

Die Mütter, die ich so kenne, benutzen ihr Telefon, um kurz ihre Mails oder ihre Timeline zu checken. Sie holen es auf dem Spielplatz heraus, um einer anderen Mutter eine Veranstaltung oder ähnliches (für Kinder!) zu zeigen. Sie geben via Twitter einen kleinen Stoßseufzer ab, wenn das Chaos überhand nimmt. Sie lesen einen Artikel auf SZ Online, während ihr Kind mit dem Dreirad seine Runden dreht oder einschläft.

Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was daran falsch sein soll. Als ich Monsieur 1 gestillt habe, habe ich während der Stillzeit Printartikel gelesen, bei Monsieur 3 Dank neuer technischer Errungenschaft Smartphone Onlineartikel (die Süddeutsche konnte ich während des Stillens aufgrund des Formats leider nie lesen). Beide entwickeln sich gleich gut bzw. gleich schlecht – je nach Auge des Betrachters. Als ich damals meine Runden auf dem Spielplatz drehte, saß meine Mutter strickend auf der Bank und unterhielt sich mit der Nachbarin. Nun war ich ein Kind, das viel zu viel Schiss gehabt hätte, einfach so um eine Ecke zu fahren – aber auch meiner strickenden und sich unterhaltenden Mutter hätte da sicherlich etwas durchrutschen können. Einen Zeitungsartikel hätte es dazu vermutlich nicht gegeben.

Ich frage Euch, Ihr Meinungsmacher, Ihr Artikelschreiber, Ihr Intellektuellen: Wie sollen wir es denn nun machen? Wie ein Helikopter kreisen dürfen wir nicht. Frühförderung dürfen wir nicht. Wir sollen die Kinder einfach mal machen lassen, damit sie sich gut entwickeln können (Vielleicht mit dem Dreirad um Ecken fahren lassen? Wäre das eine Idee?). Während sie sich gut entwickeln (denn das tut ein so fantasievolles Mädchen wie Emma), dürfen wir aber weder eigene Interessen verfolgen, noch Kontakte oder unseren Intellekt pflegen, damit der in dieser wenig fruchtbaren Baby- und Kleinkindzeit nicht vollkommen verkümmert. Ich frage Euch: Was dürfen wir eigentlich?

Dirk Steinhöfel: Nicht um die Ecke. Sauerländer 2018, ab 4 Jahren, 14,99 €.

P.S. Lieber Dirk Steinhöfel, es tut mir sehr leid. Ich finde Ihre Illustrationen beeindruckend und der Mittelteil ist wirklich großartig. Ich freue mich auf Ihr nächstes Buch, nur bei versteckten und offenen Botschaften für Mütter werde ich etwas zickig. Beste Grüße, Ihre Julia

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