Vereinbarkeit Galore

Es wird viel über Vereinbarkeit geschrieben, ich selbst habe aufgrund des Buches Mut zu Kindern und Karriere einen ziemlich langen Text darüber verfasst, wie es bei uns so läuft. Kurz gesagt: Alles in allem so gut, wie es ohne Kinder-, Putz- und Zugehfrau oder Großeltern eben geht, außer, es wird jemand krank.

Aufgrund aktueller Umstände denke ich momentan jedoch richtig intensiv über die letzten sechseinhalb Jahre nach, in denen wir externe Kinderbetreuung in Anspruch genommen haben und überlege, ob in den ganzen Rufen nach besserer Vereinbarkeit, dem Schielen nach Skandinavien und der Diskussion über 24-Stunden-Kitas nicht eines ein wenig außer Acht gelassen wird: die Qualität.

Natürlich kommt das Wort Qualität in den Diskussionen immer vor, es wird beinahe in einem Atemzug mit Kinderbetreuung genannt. „Auch die Qualität muss stimmen!“ wird da mit erhobenem Zeigefinger immer gemahnt und das stimmt natürlich auch. Doch habt Ihr vielleicht auch den Eindruck, dass hinter dem Wörtchen „Qualität“ immer so ein Hauch von „Frühförderung“ steckt? Wir möchten unser Kind nicht einfach irgendwo abgeben und aufbewahren, wir möchten, dass es in der Kita eine gute Zeit hat und dort viel gefördert und gefordert wird. Wir möchten Heilpädagogen, Musikpädagogen, Englisch, Chinesisch…

Möchten wir? Der erste Kindergarten meines ältesten Sohnes war eine Kunst-Kita, einschließlich Atelier und extra angestelltem Künstler. Wir hatten diesen Kindergarten nicht ausgesucht, weil wir so kunstbegeistert sind, aber ich kann auch nicht sagen, dass uns das Konzept missfiel – ganz im Gegenteil: Wir waren ganz beeindruckt von den schönen Räumen und dem tollen Atelier.

Nach zwei Monaten meldeten wir unseren Ältesten dort wieder ab, nachdem wir ihn regelmäßig zugeschissen und wund und laut schreiend vom Kindergarten abholten: Gemeinsam mit den 21 anderen Kindern seiner Gruppe war er wie irre durch die schönen Räume und das tolle Atelier gerannt, weil der Kindergarten kein Außengelände hatte und es den Erzieherinnen zu viel Arbeit war, mit den Kindern auf den nahen Spielplatz zu gehen.

Schlagartig waren wir Kunst-Kita-technisch geheilt, seitdem beeindrucken uns bei Besichtigungen keine schönen Räume, kein modernes Holzspielzeug, kein minimalistisches Ambiente. Denn es blieb nicht unsere einzige schlechte Erfahrung, sechseinhalb Jahre und drei Kinder in Betreuungseinrichtungen – da macht man so einiges mit. Wir haben viel Schreckliches gesehen, viel Absurdes erlebt und mittlerweile kann ich sagen: „Qualität“ bedeutet für mich Hygiene, ein liebevolles Miteinander zwischen Erziehern und Kindern und den Erziehern untereinander und im Bestfall eine Person, die sieht (und Zeit hat zu sehen), was mein Kind gerade braucht.

Drei einfache Wünsche, jenseits von Kunstprojekten und Chinesisch, und zu diesen gesellt sich auch noch ein vierter: Ich möchte meine Kinder morgens in ihren Betreuungseinrichtungen abgeben und sorgenfrei zur Arbeit fahren können, womit wir wieder beim Thema Vereinbarkeit wären. Vielleicht nach diesem langen Text nicht mehr überraschend: Diese Situation ist – mal wieder – momentan nicht gegeben.

Weil Menschen, die mit Kindern arbeiten, nun einmal auch Menschen sind. Ich verstehe das. Und doch stehe ich jedesmal fasziniert davor, wenn ein gerade noch funktionierendes System einfach in sich zusammenbricht, wenn es auf eine Störung trifft. Und stehe verzweifelt daneben, wenn mein Kind mittendrin in diesem Chaos steht. Und hoffe, dass es keinen Schaden davon trägt. Und kämpfe und kämpfe und kämpfe für mein Kind.

Und fühle mich dennoch, als würde ich alles falsch machen. Denn ich habe es – mal wieder – nicht kommen sehen.

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