Menschen, die mit Kindern und Literatur zu tun haben, stellen ihr Lieblingskinderbuch vor

Mir persönlich lief Joëlle Tourlonias oder vielmehr ihre Arbeit zum ersten Mal 2014 über den Weg, als ich Hallo, ich bin auch noch da! in den Händen hielt. Und dann ging es plötzlich Schlag auf Schlag und Joëlles Illustrationen  waren aus den Verlagsvorschauen nicht mehr wegzudenken. Wahnsinn, was für ein toller Erfolg für so eine junge Illustratorin!

Ich denke, den meisten sind Joëlles Werke durch die Reihen Luna und der Katzenbär und Die kleine Hummel Bommel vertraut, außerdem gibt es von ihr eine zuckersüße Pappbilderbuch-Reihe für die Allerkleinsten: Noah und Ella. In einem meiner Lieblingsverlage Jacoby & Stuart sind die von ihr illustrierten Bücher Mikropolis (das Bilderbuch zur gleichnamigen Kinderoper) sowie Die Geschichte von Carl Mops erschienen und ich könnte jetzt noch ewig so weiter machen, doch lassen wir einfach die Illustrationen und Bücher auf uns wirken:

Huch, sind das dort links in der Mitte etwa Nivea-Dosen? Ja, richtig gesehen! Seit einiger Zeit gibt auf Nivea.de eine von Joëlle illustrierte Märchenseite und eben auch dazu passende Cremedosen. Geschrieben wurden die Märchen von Udo Weigelt, mit dem Joëlle bereits bei Luna und der Katzenbär zusammen arbeitet und der unter dem Pseudonym Moritz Petz eines meiner Lieblingsbilderbücher verfasst hat: Der Dachs hat heute schlechte Laune.

Das waren jetzt ganz schön viele Informationen – und ich kann Euch sagen: Es werden noch mehr! Joëlle hat nämlich einen ganz wunderbaren langen Text zu ihrem absoluten Lieblingskinderbuch geschrieben, ein Buch, auf dessen zweiten Teil auch ich schon ganz gespannt bin (er erscheint im Frühjahr im Aladin Verlag):

„Neulich habe ich mir von einem meiner absoluten Lieblingsillustratoren eine superspezialspezial Doppelbuchausgabe im Schuber bestellt, die heute aus England eingetroffen ist. 

Es war ein bisschen wie Nikolaus und Weihnachten und Ostern und Geburtstag, aber so, wie es früher war, als man noch Kind und ein Geschenk noch viel besonderer war, weil man sich außer den bunten klebrigen Schnüren für fünf Pfennig beim Bäcker nichts selbst kaufen konnte. So ein Tag war heute!

Karton vorsichtig öffnen, Schuber ehrfürchtig rausnehmen, Karton unachtsam auf den Boden fallen lassen. Mit dem Zweibuchschubergoldschatz aufs Sofa lümmeln. Wow, allein die Haptik! Ein bisschen wie die Oberfläche einer Leinwand. Rundherum sieht man dunkelblauen tosenden Sturm. Die Typo und das Logo, zum Niederknien! Silberglänzend, zwei Schwanzflossen ragen aus den Wellen, darunter handgelettert THE STORM WHALE. Ich sehe eine kleine Flosse, die aus den beiden sich kreuzenden V im W wie zufällig entsteht.

Benji Davies, Nick und der Wal
The storm whale Slipcase, Simon & Schuster 2014

Ziehe das erste Buch heraus und bin weg. Ziemlich lange. Als Illustrator bin ich eigentlich ein Schnellgucker. Ich erfasse Bilder ruckzuck, bilde ich mir zumindest ein. Aber dieses Buch – das kann man sich nicht schnell ansehen.

Worauf ich nämlich nicht vorbereitet war, ist die Geschichte. Die ersten drei Sätze, die ich hier nicht wiedergeben will, weil man sie mit den Bilder genießen sollte, sind pure Magie. Noch nie haben es drei so kurze Bilderbuchsätze geschafft, mich auf der Stelle und ohne Vorwarnung in eine Geschichte zu ziehen.

Benji Davies
Nick und der Wal, Aladin 2014

Obwohl es nur ein Bilderbuch ist, zwölf mickrige Doppelseiten, taucht man ein in eine Welt, so tief wie bei einem sehr guten dreistündigen Kinofilm oder einem sehr, sehr guten 1000-Seiten-Wälzer, den man tagelang nicht aus der Hand legen kann. Noi, die Hauptfigur (in der deutschen Übersetzung heißt der kleine Junge Nick), ist alles in einem: ein Kind wie du und ich, so herzzerreißend klein und schutzbedürftig, so tapfer und mutig – und ein wahrer Held. 

Und obwohl mir das erst eine Handvoll mal passiert ist, hatte ich am Ende einen Kloß im Hals. Nach, ich muss mich wiederholen, zwölf mickrigen Doppelseiten! Weil es so traurig und gleichzeitig so wunderschön ist. 

Zum Glück ist an dieser Stelle noch nicht Schluss, im Schuber liegt Band 2 bereit: THE STORM WHALE in WINTER. Vielleicht toppt der zweite den ersten Band, im Buch sind so viele große starke Szenen, die man unbedingt verfilmt sehen möchte!

Benji Davies
Nick und das Meer, Aladin 2017

Ein Beispiel: Spät abends zieht der kleine Noi mit seinem Boot ganz alleine los, um seinen Papa zu suchen, doch das Meer ist zugefroren – und so wandert der Kleine mutterseelenallein mit einer kleinen Lampe über das riesige Eis durch die Nacht. So ein kleiner Junge! Ganz allein! Über das endlose zugefrorene Meer! Durch die schwarze Nacht! Man spürt förmlich das Eis unter den eigenen Füßen knirschen und den unerbittlichen eisigen Nachtwind und – die übermächtige Angst um Papa.

Ich wusste, dass Benji Davies ein fantastischer Illustrator ist. Dass er aber auch ein grandioser Geschichtenerzähler ist, wusste ich nicht. Diese beiden Bücher, THE STORM WHALE und THE STORM WHALE in WINTER bekommen in jeder Hinsicht hunderttausendmillionen Punkte. Covergestaltung, Typo, Papier, Einband, Geschichte, Illustration – alles. Diese beiden Bücher lassen alle meine bisherigen Lieblingsbücher links liegen und beziehen den ersten Platz. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie da jemals wieder verschwinden.

Ach so, noch was. Im Nachsatz des zweiten Bandes findet man einen limited edition print. Glasklar, dass ich mir dieses Kleinod rahmen und es an einen sehr prominenten Platz hängen werde.“

Benji Davies: Nick und der Wal (Übersetzung: Johanna Hohnhold). Aladin Verlag 2014, ab vier Jahren, 14,95 €.

Advertisements