Alexa Hennig von Lange und Marcus Jauer stellen die richtige Frage

Das neueste Buch von Alexa Hennig von Lange und Marcus Jauer lag schon ein bisschen auf meinem Bücherstapel und als ich es mir endlich vornahm, war ich maximal gestresst: Eine kurze, aber heftige Lebensmittelvergiftung lag gerade hinter uns [Stellen Sie sich hier bitte eine fünfköpfige Familie vor, die eines Nachts gleichzeitig anfängt, sich zu übergeben.] und ein Fußballgeburtstag mit neun Jungs, für den dadurch nichts vorbereitet war ist, lag vor uns. Und auch die Wochen und Monate davor waren nicht so gewesen, dass man irgendwelche psychischen und physischen Reserven für solche Situationen hätte aufbauen können. Wie gesagt: Ich war maximal gestresst.

Da kommt doch ein Buch mit dem Titel Stresst ihr noch oder liebt ihr schon? gerade richtig, oder? Als ich über Alexas Kinderbuch Wie eine Nuss mein Leben auf den Kopf stellte schrieb, erwähnte ich bereits, dass ich die gemeinsame, beziehungsweise abwechselnde Kolumne von ihr und ihrem Mann in der Nido sehr schätze, deshalb hatte ich mich auch so auf die Lektüre des ersten gemeinsamen Buches der beiden gefreut.

Auch in ihrem Buch schreiben die Autorin und der Journalist abwechselnd – über die Zeit, bevor sie sich kennenlernten, Tischmanieren, Pubertät, Hochzeitsreisen und den Akt, sich als Patchwork-Familie zusammenzuraufen. Und das immer auf eine sehr selbstreflektierende und angenehm unbelehrende Art und Weise.

Alexa Hennig von Lange, Marcus Jauer, Gütersloher Verlagshaus
Die siebenköpfige Familie Hennig von Lange-Jauer (Foto: Appa Kersten)

Mich erinnert das Buch sehr an Aus Liebe zum Wahnsinn von Georg Cadeggianini, denn beide haben dieselbe Kernaussage: Egal, ob Patchwork- oder Multikulti-Familie, egal ob ein, zwei, drei oder sieben Kinder, wir haben uns für dieses Leben entschieden – und zwar aus Liebe. Aus Liebe zum Partner, aus Liebe zum Chaos, aus Liebe zum Wahnsinn, aus Liebe zu Kindern, aus Liebe zu dem Gefühl, nicht allein sein zu wollen.

Dafür muss uns niemand bedauern – auch nicht wir uns selbst – und deshalb müssen wir auch keine Stress-Battles mit anderen Eltern führen (Wer arbeitet mehr? Wer hatte die kürzere Nacht? Wer hatte die schwerere Geburt? Wer ist gestresster als alle anderen zusammen?).

Das normale Leben als Familie ist ein wenig wie der Urlaubsbericht in dem Kapitel mit dem schönen Titel Das größte Abenteuer von allen – Marcus erzählt davon, dass man nicht weit gehen muss, um bei sich selbst anzukommen. Marcus, der reiseerprobte Single-Mann von einst, möchte der schwangeren Alexa und ihren beiden Kindern die Welt zu Füßen legen (und sich selbst den Status als Abenteurer beweisen) und plant eine Reise nach Peking. Mit dem Auto. Irgendwann sieht er ein, dass er sich von diesem Vorhaben verabschieden muss und peilt Istanbul an. Aber auch dort kommen sie nicht an, stattdessen stehen sie mit ihrem geliehenen Wohnmobil auf einem österreichischen Campingplatz und tun das, was die Menschen in ihren baugleichen Wohnmobilen ebenfalls tun. Später finden sie sich in einer kroatischen Hotelanlage mit zubetoniertem Strand und Souvenirladen an Souvenirladen wieder (Die Kinder finden es super!) und letztendlich bringen Erkenntnis und Einsicht die Familie im darauffolgenden Jahr nach Dänemark. An die Ostsee. Mit Streichelzoo und Fischbrötchen am Strand.

Und so ist doch auch einfach das Leben mit Kindern: Man plant mehr oder weniger große Vorhaben, die dann durch irgendwelche Umstände über den Haufen geworfen und neu sortiert werden müssen. Das kann natürlich stressen, aber meistens ist es doch so, dass trotzdem alle irgendwie zufrieden sind – manchmal sogar zufriedener als mit dem Geplanten – oder alle zumindest im Nachhinein darüber lachen können. Ob nun über eine durchgespuckte Nacht oder eine abgeblasene Peking-Reise.

Und über allem steht die Liebe.

Alexa Hennig von Lange, Marcus Jauer: Stresst ihr noch oder liebt ihr schon? Gütersloher Verlagshaus 2016, 17,99 €.

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ISBN/EAN: 9783579089492
Sprache: Deutsch
Umfang: 192 S.
Erschienen am 22.08.2016

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