Bücher gegen Vorurteile: Frida Vogelnest

Über ein stolzes Mädchen mit wilden Haaren

Frida war noch nie beim Friseur, denn sie liebt ihre Haare und vor allem den Umstand, dass sie darin so allerlei verstecken kann: Stifte, Brotdose, Trinkflasche – immer alles dabei. Die anderen Kinder im Kindergarten – allen voran Moni, Toni und Vroni – finden Fridas Haare allerdings nicht so gut. Sie rufen ihr „Frida Vogelnest!“ hinterher und wollen ansonsten nichts mit ihr zu tun haben.

So weit, so bekannt. Wie ich zuvor, vermutet Ihr jetzt wahrscheinlich auch, dass Frida sehr unter dieser Situation leidet und sich aus dieser Geschichte mit den Haaren irgendetwas entwickelt, das letztendlich dazu führt, dass Moni, Toni, und Vroni Frida in ihren erlauchten Kreis aufnehmen.

Tut es nicht.

Zum einen leidet Frida nicht. Sie liebt ihre Frisur und als sich schließlich – herrlich absurd – ein paar Spatzen in ihren Haaren einnisten, kümmert sie sich liebevoll um ihre Gäste: unter dem Gezeter der anderen gräbt sie selbstbewusst Regenwürmer aus, schreit die Kinder an, dass sie leiser und die Vögelchen nicht erschrecken sollen und ist überhaupt sehr stolz, dass ihre Frisur zum Vogelnest geworden ist.

Zum anderen haben wir ein vollkommen unerwartetes – ebenfalls absurdes – Ende. Frida muss irgendwann einsehen, dass man nicht dauerhaft mit Spatzen auf dem Kopf leben kann und lässt sich von ihrer Mutter zum Friseur schleppen. Mit jeder Locke, die dieser abschneidet, fliegt ein Spatz davon, außerdem kommen nach und nach noch weitere Sachen zum Vorschein, die Frida ganz vergessen hatte: eine Hängematte zum Beispiel, ein Schraubenzieher, ein Eis und der lang vermisste Roller. Da findet Frida es dann doch ganz gut, dass sie sich für den Friseurbesuch entschieden hat.

Und das Ende?

Die anderen Kinder rennen Frida hinterher. „Frida, warte! Wir wollen auch mal fahren!“ Aber Frida ist viel zu schnell.“

Ich hatte neulich auf Instagram eine Diskussion über den Bilderbuch-Klassiker Irgendwie anders von 1994. Ich habe das Buch damals häufiger verschenkt und empfohlen, meine Gesprächspartnerin war hingegen der Meinung, dass das Ende – Irgendwie Anders trifft auf ein zweites Wesen, das nicht zu der Gruppe passt und beide freunden sich an – kein gutes sei, sondern Othering befördere. Der Idealfall wäre es, dass Irgendwie Anders von der Gruppe akzeptiert würde.

Ja. Der Idealfall.

Nun kann man darüber streiten, ab wann man mit Kindern darüber sprechen sollte, dass es den Idealfall selten bis nie gibt. Ich fand Irgendwie Anders immer sehr tröstlich, vermittelt es doch die Hoffnung, dass es irgendwo auf der Welt jemanden gibt, der genauso ein merkwürdiges Sandwich isst wie du. Und so habe ich es Gott sei Dank immer erlebt und nichts anderes kann und will ich meinen Kindern beibringen.

Denn es ist doch so – und damit kommen wir wieder zu Frida Vogelnest zurück, die ja noch einen Schritt weitergeht: Will man denn wirklich (Wirklich!) zu so einer Moni-Toni-Vroni-Gang dazugehören? Wenn ja, ist ja alles gut. Dann denkt, handelt und fühlt man wahrscheinlich sehr ähnlich wie diese Gruppe. Aber wenn nein – wie cool ist es dann, einfach auf seinem Roller davon zu fahren und zu gucken, was die Welt noch für einen bereit hält?

Natürlich bin ich gar nicht so cool, wie es hier vielleicht gerade rüberkommt – natürlich musste ich am Ende auch schlucken und dachte kurz „Ach schade, kein Freund für Frida!“ – doch ich finde dieses Ende hundertmal besser, als wenn sie sich die Freundschaft zu den Kindern, die sie zwei Seiten zuvor noch ärgern, durch irgendeine Integrationsleistung erkauft hätte (wie zum Beispiel Lili, deren Haare übrigens brennen).

Frida ist selbstbewusst (sich ihrer selbst bewusst), kreativ und ein bisschen schräg – genau die richtige Mischung um Menschen kennenzulernen, die mit Moni, Toni und Vroni ebenfalls nichts zu tun haben wollen! Ja, der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht eine Gruppe. Doch wenn das bedeutet, dass man sich Freundschaft erkaufen muss, indem man sich toll anpasst oder ein vermeintlicher Makel plötzlich der gesamten Gruppe nutzt, dann muss man vielleicht einen Teil des Weges erstmal allein auf seinem Roller fahren.

Weiter so, Frida, du wirst deinen Weg machen. Da bin ich mir sicher!

Tina Schilp, Silvan Borer: Frida Vogelnest. Helvetiq 2018, ab 5 Jahren, 14,00 €.

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nenu sagt:

    Danke für diesen Buchtipp – sowohl meine große Tochter als auch ich sind zwei kleine Fridas, und ich bin sehr froh wenn mal von irgendwo die Botschaft kommt, dass das ganz ok so ist! ❤

    Gefällt 1 Person

    1. Juli sagt:

      Ja, dieses Thema (wo möchte ich dazugehören und wo denke ich nur, dass ich dazugehören möchte) begleitet mich auch schon mein ganzes Leben…

      Gefällt mir

      1. Nenu sagt:

        Ja, und ich finde es immer ziemlich bedenklich wenn man vermittelt bekommt, man habe bitte dazugehören zu wollen, obwohl man eigentlich ganz zufrieden ist es nicht zu tun – ich bin sehr froh dass meine Tochter zumindest im Moment noch die Selbstsicherheit besitzt sich nicht um jeden Preis anpassen zu wollen, aber sie ist auch erst 4.. 😉 Ich wünsche ihr einfach von Herzen, dass sie auch später immer weiß, dass sie gut so ist wie sie ist, und dass es mit Sicherheit genug Menschen gibt, die sie genau SO akzeptieren und lieben.

        Gefällt 2 Personen

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