Stories for Boys who dare to be different

Jungs sind auch Menschen

Als ich Stories for Boys who dare to be different zum ersten Mal in den Händen hielt, hatte ich zwei Gedanken. Der erste: „Das erinnert aber sehr an Good Night Stories for Rebel Girls und Power Women!“ Und der zweite: „Für Jungs? Muss das denn sein?!“

Nun begab es sich aber zu der Zeit, dass ich zwei Tage zuvor einen Artikel gelesen hatte und furchtbar aufgebracht war: I will always love my male child von Mithu M. Sanyal, erschienen in Männeraufbruch 2019. Der Text ist gut, mich schockierte allerdings, nein, schockiert noch immer, dass er geschrieben werden musste. Dass es aufgeklärte und aufklärerische Menschen gibt, die – und ja, jetzt werde ich so kitschig wie möglich – kleine, unschuldige Minimenschlein aufgrund ihres Geschlechts ablehnen:

„Seitdem habe ich bei jedem neuen Baby in meinem Umfeld die mitleidigen Blicke bemerkt, wenn es ein Junge war. Und das stolze, überlegene Lächeln der Mädchenmütter. Wie in einem viktorianischen Roman. Nur halt umgekehrt. Dort waren es die weiblichen Babys, die als waste-of-space im Uterus angesehen wurden. Und die Baby-boys, die die braven Ehefrauen und Mütter mit dem befriedigenden Gefühl erfüllten, eine Leistung vollbracht zu haben. Und erst die Väter. Deshalb versuchen die Töchter in diesen Romanen so häufig, Söhne zu sein, um auch zu den erwünschten Kindern zu gehören. Und deswegen haben sich Feministinnen genau gegen diesen boy bias gewehrt und gesagt: Wir wollen Mädchen!“

Wahnsinn. Ich habe mich immer für eine Feministin gehalten. Und gleichzeitig wäre ich nie im Leben auf die Idee gekommen, mir über das Geschlecht meiner Kinder in Hinblick auf – meinen persönlichen oder den ganz allgemeinen – Feminismus Sorgen zu machen oder gar darüber traurig zu sein. Denn die Quintessenz von Mithu M. Sanyal ist meine Grundeinstellung:

Das ist ein Mensch. Das ist ja ein Mensch. […]

Deshalb ist es so wichtig, unsere Vorstellung von Geschlechtern zu erweitern, so dass Jungen auch schön sein dürfen und Mädchen auch mutig. Und deshalb möchte ich diesen Text doch I will always love my male child nennen. Denn ich glaube, das ist es, was Jungen und Männern in unserer Gesellschaft am meisten fehlt:

Liebe.

Und so sitze ich hier mit meinen drei Söhnen und erkläre beim Frühstück, warum ich kein Nice Girl sein möchte und beim Abendbrot, warum der Text von Casanova sexistisch ist und was sexistisch überhaupt bedeutet und warum ich es in Ordnung finde, wenn in Hip Hop Texten mal Schimpfwörter vorkommen, es jedoch ein No-go ist, wenn darin Beleidigungen gegen Menschen jeder Herkunft enthalten sind. Ich erkläre, dass Coolness Ansichtssache ist, dass jede*r ein Talent hat, dass Jungs malen und Mädchen rechnen können. Letzteres muss ich ihnen eigentlich gar nicht erzählen, denn sie haben die Rebel Girls und die Power Woman von vorne bis hinten durchgelesen.

Wenn ich das alles Zuhause erklärt habe, gehe ich raus in die Welt und erkläre meine Jungs. Dass sie wild sein und gleichzeitig zuhören können. Dass sie über Tische und Bänke gehen und gleichzeitig das Wort „metaphorisch“ verwenden können. Dass sie die Coolsten auf dem Fußballplatz und gleichzeitig ganz traurig sein können. Dass sie sich für den Unterricht und gleichzeitig nicht für saubere Heftführung interessieren können.

Und damit wäre die Frage von oben schon beantwortet: Ja, so ein Buch wie Stories for Boys who dare to be different muss sein. Jungs sind nämlich – Überraschung! – auch Menschen. Menschen mit Gefühlen, mit Sorgen und Nöten. Und wenn jetzt jemand aufschreit, dass es ja nun all die letzten Jahrhunderte nur um Jungs ging, dass da ein Empowerment wirklich nicht von Nöten sei, dann sage ich: Oh doch!

Nur weil man zufällig als Junge geboren wurde, ist man noch lange nicht im Boys Club. Es gibt genügend Gründe, warum die Machos dieser Welt dich nicht in ihren elitären – ich sag es jetzt noch einmal, aber dann hat sich diese Phrase auch langsam abgenutzt – Alte-weiße-Männer-Club aufnehmen. Weil du Ballett tanzen willst (Sergei Polunin). Weil du als Mädchen geboren wurdest (Alan L. Hart). Weil du schwarz bist (Barack Obama). Weil du Feminist bist (Daniel Anthony). Es gibt hunderte von Gründen, die bewirken können, dass Jungs sich in dieser von Männern gemachten Welt unwohl oder fehl am Platz fühlen. Auch sie brauchen Geschichten, die ihnen Mut machen, ihren eigenen Weg zu gehen. Auch ihnen muss gesagt werden, dass sie gut sind, wie sie sind. Auch sie benötigen Vorbilder.

Ich denke nicht, dass ein Feminismus funktionieren kann, der darauf beruht, dass Feministinnen Mädchen gebären, die sie für die böse Männerwelt ausrüsten. Männer können und müssen ebenfalls Feministen sein, damit es gelingt, diese Welt zu einer aufgeklärten, gleichberechtigten und menschenwürdigen Lebenswelt für alle zu machen. Menschen müssen Feministen sein. Und Jungs sind auch Menschen.

Ben Brooks: Stories for Boys who dare to be different – Vom Mut, anders zu sein (Übersetzung: Franca Fritz). Loewe Verlag 2018, ab 8 Jahren, 19,95€.

Hier geht’s zur Leseprobe.

 

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