… und auch keins als Schwiegertochter

Liebe Freunde der gepflegten Popkultur: Es ist soweit. Ich bin jetzt offenbar in einem Alter, in dem ich Jugendmusik kritisiere. So weit ist es schon gekommen, noch keine vierzig, aber schon wild mit dem Zeigefinger in Richtung Radio fuchteln.

Was war passiert?

Nachdem wir heute wie jeden Morgen um 6:00 Uhr aufgestanden waren (die Messieurs kennen da auch an einem Sonntag in den Ferien keine Gnade), saßen wir um 8:00 Uhr am Frühstückstisch und lauschten buttertoastkauend „dem Besten aus den deutschen Top 100“ auf N-Joy.

Mittendrin dann plötzlich zwischen all dem Besten: Nice Girl 2.0 von Ufo361 – weder Titel noch Interpret hatte ich natürlich jemals wahrgenommen (Zeigefingergefuchtel). Der Sprechgesang ging los, Monsieur 1: „Mama, mach mal lauter!“ und selbstverständlich kam ich diesem Wunsch meines Erstgeborenen nach, der den gesamten Hort mit Hip-Hop-Einlagen unterhält und ein Lied über sein Lieblingsrestaurant geschrieben hat („Wo ist es lecker? Mega Saray!“).

Und so hörten wir gemeinsam Nice Girl 2.0 und ich drehte das Radio immer lauter und lauter und stellte mich daneben und sagte „Pscht!“ zu Monsieur 3, der auch rappen wollte, und wartete auf die Pointe. Und wartete. Und wartete. Und dann war das Lied zuende. Keine Pointe. Nächstes Lied.

Ich: „Hä? Hab ich das richtig verstanden, dass er über ein ‚Nice Girl‘ singt, das alles tut, was er sagt und deshalb ’nice‘ ist?“

Monsieur 2: „Was heißt ’nice‘?“

Ich: „Nett.“

Monsieur 3: „Neiß Dörl, neiß Dörl!“

Monsieur 1: „Vielleicht ein bisschen blöd für das Mädchen!“

Ich: „Und vielleicht auch ein bisschen blöd für den Sänger.“

Also googelte ich nochmal die Lyrics. Vielleicht hatten wir die Pointe ja einfach durch das Gebrabbel von Monsieur 3 hindurch nicht gehört und verpasst. Nein, hatten wir nicht, keine Pointe.

Wenn ich mir jetzt das Video ansehe, bin ich nicht sicher, ob das vielleicht die Pointe ist – ein Frauenkopf aus Plastik, ohne Körper, ohne Seele. Ist es das, was Ufo361 uns mit dem Video sagen möchte – dass es solche ‚Nice Girls‘ wie er sie beschreibt gar nicht gibt und sie deshalb aus Plastik sein müssen?

Ich kenne Ufo361 zu wenig gar nicht, um beurteilen zu können, wieviel Selbstreferentialität da vorhanden ist. Ich habe hier auch gerade erstmal mit einem Achtjährigen zu tun, der das „für das Mädchen ein bisschen blöd“ findet. Größte Herausforderung: Erklären, dass das mehr als ein bisschen blöd für ein Mädchen, nämlich einfach sexistische Kackscheiße ist, ohne es während der Erklärung sexistische Kackscheiße zu nennen. So schnell wünscht man sich die Zeiten zurück, als er noch inbrünstig bei Andreas Bourani mitsang…

„Aber die Musik selber war doch echt gut, Mama!“

Ja, war sie. Sie macht alles, was ich will, jajajaja – geht schön ins Ohr.

 

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