(Vor-) Lesespaß über Geschlechterstereotype

Eine Puppe zum Geburtstag? Für einen Jungen? So ein Geschenk kann ja nur von der schrulligen Tante kommen, deren Schrulligkeit man zum Beispiel gut daran erkennen kann, dass sie immer eine Mütze auf dem Kopf hat – auch in der Wohnung!

Nico, sein großer Bruder und ihre Eltern sind jedenfalls nicht wenig überrascht, als Nico eine selbstgenähte Puppe von ihr bekommt. Noch mehr überrascht allerdings alle, dass Nico sich richtig über diese Puppe freut, sie Mimi nennt und abends mit ins Bett nehmen will. Und am nächsten Morgen zur Schule.

Das wird Papa dann ein wenig zu viel, erst regt er sich bei seiner Frau über deren verrückte Schwester auf und dann geht er mit seinen Söhnen ins Kaufhaus um „ein echtes Jungenspielzeug“ zu kaufen und Nico damit die vermeintlichen Flausen auszutreiben. Doch was sucht Nico sich aus? Ein Schwert? Einen Feuerwehrhelm? Ein Rennauto?

Nein. Einen Puppenwagen für Mimi.

Bis Nico letztendlich doch noch zu seinem Recht auf eine Puppe im Puppenwagen kommt, bedarf es einiger Zeit und vieler witziger Dialoge – vor allem zwischen den Eltern. In bester Der kleine Nick-Marnier wird da gestritten, diskutiert und sich wieder vertragen und geküsst, damit die beiden Söhne auch ja glauben, dass man sich nicht scheiden lässt.

Ich finde das gut. Erstens – und das fällt mir besonders bei französischer Kinderliteratur auf (Puppen sind doch nichts für Jungen! ist allerdings aus belgischer Feder) – mag ich es, wenn sich Eltern in Kinderbüchern auch mal uneinig sind und sich die Meinung sagen oder einfach unperfekt sind (Großartig, doch leider vergriffen: Ein Schäfchen, zwei Schäfchen, drei Schäfchen). Wie sollen Kinder denn sonst ihr Weltbild abgleichen, wenn die eigenen Eltern (selbstverständlich) ab und zu streiten, in ihren Büchern jedoch nur Heideidei und Mutter-Vater-Kind-Getue à la Conni und Bobo Siebenschläfer vorkommt?

Zweitens ist es – ja, ich weiß, wir haben 2017 – für viele noch eine große Sache, wenn ein Junge mit Puppen spielt. Da kann man sich drüber aufregen und das engstirnig finden, doch dass es ein Thema ist, ist nicht von der Hand zu weisen. Und dass Nicos Eltern darüber streiten („Warum soll sich dein Sohn nicht um ein Baby kümmern, das hast du ja auch getan!“ „Das ist kein Baby, das ist eine PUPPE!“), ist durchaus realistisch. Diskutieren, streiten, versöhnen – was eine selbstgenähte Puppe aus Stoffresten nicht alles vermag!

Puppen sind doch nichts für Jungen! gehört für mich in jeden Kindergarten, es ist wichtig, witzig und lässt uns alle über die Geschlechterklischees in unseren Köpfen nachdenken – wieviel wollen wir davon an unsere Kinder weitergeben und wissen diese nicht manchmal viel schneller, was gut für sie ist? 😉

Ludovic Flamant, Jean-Luc Englebert: Puppen sind doch nichts für Jungen! (Übersetzung: Alexander Potyka), Picus Verlag 2017, ab fünf Jahren, 13 €.

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