Über Wut, Aktion statt Resignation und die Geburt eines Hashtags

Wir schreiben das Jahr 2017 und der letzte Weltkrieg ist seit über siebzig Jahren vorbei.

Und doch scheint es, als hätte die Welt nichts aus alledem gelernt. Als wären sie nicht schlauer geworden durch die Ereignisse der Vergangenheit, entscheidet sich die Mehrheit der Amerikaner für Trump, die Mehrheit der Briten für den Brexit, immerhin 33,9 % der Franzosen für Le Pen, unfassbare 49,7 % der Österreicher für Norbert Hofer und immer mehr Deutsche für die AfD: Im Superwahljahr 2017 sind sie in alle drei neu gewählten Landtage eingezogen und sitzen in insgesamt dreizehn Parlamenten. Jeder Sitz einer zuviel.

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Thomas de Maizière: „Wir sind nicht Burka“

Und was macht die sogenannte Mitte dagegen? Nichts – oder zumindest nichts, das wirken würde. Stattdessen ist die rechte Rhetorik der CSU-Politiker von der der AfD nicht mehr zu unterscheiden und vor drei Wochen fühlte sich dann auch unser Innenminister Thomas de Maizière bemüßigt, wieder die alte Leitkulturdebatte voranzutreiben. Dafür benutzte er den schönen „Satz“ Wir sind nicht Burka., was natürlich zum einen grammatikalischer und zum anderen inhaltlicher Unsinn ist.

Ich stand beim Bäcker in der Schlange, blickte auf die Bild am Sonntag zu meiner rechten und schoss ein Foto für meine Bekannte, die im September „die Kanzlerin“ wählen möchte. Und dann dachte ich:

Jetzt reicht’s!

Ich habe sie so satt, diese rassistischen Ressentiments, ganz gleich aus welchem Lager. Ich habe es so satt, dass bei Problemen, Widrigkeiten und Abweichungen vom Normalzustand sofort „die Anderen“ zu Schuldigen werden.

Und was zum Teufel soll eigentlich dieser Unsinn mit der Leitkultur? Ist eine Kultur etwa besser als eine andere? Was ist besser: Sein Essen mit Messer und Gabel, Stäbchen oder mit der Hand zu essen? Und wo wir schon beim Essen sind, ist es besser, an einem hohen Tisch dabei zu sitzen oder geht auch ein niedriger oder vielleicht nur ein Tuch auf dem Boden? Was ist besser: Sein Baby in einem Tragetuch zu tragen oder es im Kinderwagen herumzuschieben? Was ist besser: Sich mit einem Handschlag zu begrüßen oder mit einem Nasenkuss? Was ist besser: Kimono oder Sari oder Dirndl?

Die Antwort: Nichts von alledem ist besser als das andere. Denn es ist Kultur. Eine Kultur ist niemals besser als eine andere und deshalb ist es doch vermessen, dass eine Kultur einen Leitgedanken für sich beansprucht, dem alle anderen Kulturen sich fügen und beugen müssen, am besten bis zur Selbstverleugnung. Die ist aber gut integriert, sie trägt gar kein Kopftuch!

Woher kommt diese Angst?

Woher kommt diese Angst vor dem Anderen? Was wird der eigenen Kultur weggenommen, wenn andere ihre Kultur mitbringen? Es scheint, als würde ein großer Teil der Menschheit denken, dass das Boot – diese furchtbare Metapher angesichts der maroden Schlepperboote – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell voll sei. Nein, danke. Wir haben unsere eigene Kultur. Wir geben uns die Hand und wir sind nicht Burka und wenn jemand kommt, der das anders macht, müssen wir darauf verzichten, denn für beides nebeneinander ist hier kein Platz!

Warum denn eigentlich nicht?

Ich sehe ein, dass wirtschaftliche Mittel ihre Grenzen haben (wobei man bei einem so reichen Land wie Deutschland vielleicht eher über gerechte Verteilung sprechen sollte, doch das macht ja schon die SPD, also lassen wir diesen Punkt hier aus) – aber warum sollten kulturelle Gepflogenheiten begrenzt sein? Warum sollten wir Deutschen damit aufhören müssen, uns andauernd die Hand zu schütteln, wenn sich neben uns zwei Menschen mit Küsschen links, Küsschen rechts begrüßen?

Kultur ist doch kein Suppenteller, in der Händeschütteln und Leistungsdenken (Gott, was sind wir Deutschen sympathisch!) und Goethe und Schiller und Weihnachten überschwappen und verloren gehen, weil jemand noch ein paar Kopftücher und Froschschenkel und Essstäbchen und vielleicht auch Chakalaka hineinwirft. Kultur ist nicht starr, sie ist es noch nie gewesen.

Vielfalt #weltkulturstattleitkultur Migration Toleranz
Bild: http://www.gratisography.com

Das lateinische Ursprungswort „cultura“ bedeutet „Pflege des Körpers und des Geistes“ – wie sollten Körper und Geist nachhaltig gepflegt werden, wenn man nicht über den eigenen Tellerrand hinaus schaut? Seit jeher wurden Wissen und Kultur durch Migrationsprozesse weiterverbreitet, vervielfältigt, weiterentwickelt – wozu es führt, wenn eine Kultur sich dabei als die einzig wahre erlebt und alle anderen vernichten will, haben wir Gott sei Dank seit siebzig Jahren nicht mehr erlebt. Andere Völker haben dieses Glück leider nicht.

Weltkultur statt Leitkultur

Am Sonntag, den 21. Mai ist der von der Unesco ausgerufene „Welttag der kulturellen Vielfalt für Dialog und Entwicklung“, er soll das öffentliche Bewusstsein für kulturelle Vielfalt stärken und die Werte kultureller Vielfalt besser verständlich machen. Anlässlich dieses Datums rufe ich die Aktion #weltkulturstattleitkultur ins Leben und hoffe, dass viele von Euch mitmachen. Am Welttag der kulturellen Vielfalt veranstalte ich einen Bücher-gegen-Vorurteile-Marathon, jede Stunde stelle ich Euch ein Buch vor, das uns das Tor zu einer anderen Welt öffnet und uns über den eigenen Tellerrand schauen und uns staunen lässt, wie vielfältig unsere Welt ist – und dieses Gefühl gilt es zu bewahren!

Lasst uns unsere Kinder zu Weltbürgern machen, zu Menschen, die Weltkultur zu schätzen wissen, zu Menschen, denen Vielfalt keine Angst macht – Menschen, die sich ihrer eigenen Kultur so sicher sind, dass sie vor einer anderen keine Angst haben müssen!

Bücher gegen Vorurteile zu gewinnen!

Es ist mir gelungen, viele tolle Bücher gegen Vorurteile zu finden und von vielen tollen Verlagen Verlosungsexemplare zu erhalten, so dass es am Ende der Aktion Bücherpakete zu gewinnen gibt: Pakete voller Bücher gegen Vorurteile, die Ihr dorthin verschenken könnt, wo sie am meisten gebraucht werden, sprich: Bringt sie dorthin, wo die Vorurteile am größten sind!

Bücher gegen Vorurteile, Vielfalt, Toleranz, Kinderbücher, Bilderbücher, Buchblogger
Nur ein kleiner Vorgeschmack auf #weltkulturstattleitkultur

Was müsst Ihr dafür tun? Postet unter dem Hashtag #weltkulturstattleitkultur Eure Erfahrungen mit kultureller Vielfalt, zeigt, wie schön unsere Welt, wie toll andere Kulturen sind und wie großartig es ist, Neues zu entdecken! Zeigt mir Bilder von Euren Reisen oder vom Dönerladen um die Ecke, erzählt mir von interkulturellen Freundschaften oder schönen Begegnungen, nennt mir musikalische, literarische oder wissenschaftliche Werke, die wir nie kennengelernt hätten, wenn sie nicht von irgendwoher mitgebracht worden wären – damit wir allen da draußen zeigen, was Weltkultur ist! Und am besten, Ihr beginnt damit noch heute! 🙂

Unter allen, die mitmachen, werden Bücherpakete verlost. Benutzt den Hashtag #weltkulturstattleitkultur und taggt @juliliest auf Facebook, Twitter oder Instagram. Alles weitere zum Gewinnspiel und welche Bücher es zu gewinnen gibt, erfahrt Ihr hier am Montag, den 22. Mai.

Ich freue mich auf einen tollen Tag der kulturellen Vielfalt mit Euch! ❤ Bis Sonntag!

Sehr lesenswerte Texte, die mich zunächst zu Reiswaffel-Rassismus und letztendlich zu dieser Aktion inspiriert haben:

Der Taschendieb von Read on my dear

Auch ich bin ein Flüchtling von Béa Beste

Unter Weißen von Mohamed Amjahid

Antreten zum Integrieren! von Kai Biermann

P.S. Und wer erzählt jetzt eigentlich Thomas de Maizière, dass der Begriff „Leitkultur“ von Bassam Tibi geprägt wurde? 😉

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