Menschen, die mit Kindern und Literatur zu tun haben, stellen ihr Lieblingskinderbuch vor

Heute Morgen habe ich ein wenig hin und her überlegt, womit es wohl nach meinem nachdenklichen Artikel von gestern, der irgendwie gar nichts und irgendwie alles mit diesem Blog zu tun hat, am besten hier weiter gehen könnte. Und da flattert mir im Laufe des Vormittages die Antwort von Kirsten Boie auf die Frage Und was liest du so? ins E-Mail-Postfach.

Ich war ganz offenkundig schon vor dieser E-Mail eine der größten Verehrerinnen Kirsten Boies, nun konnte sich diese Verehrung tatsächlich noch steigern. Kirsten Boie, früher Lehrerin an einer Brennpunkt-Schule, heute in der Flüchtlingsarbeit aktiv, hat mir sehr empathisch und mutmachend auf meinen Artikel über das bulgarische Mädchen geantwortet – und ist momentan genauso nachdenklich wie ich:

„In den letzten Jahren sind so unglaublich viele wunderbare Kinderbücher erschienen, dass es gelogen wäre, wenn ich jetzt eins davon mein Lieblingsbuch nennen wollte. Überhaupt passt der Begriff „Lieblingsbuch“ für mich heute vielleicht gar nicht mehr so ganz – es gibt so viele ganz unterschiedliche Gründe, aus denen ich ein Buch großartig finden kann (seine Sprache, seine Geschichte, das absolut verblüffende Verständnis dessen, was in Kinderköpfen so vor sich geht…), aber bei aller Begeisterung, die dann ja auch immer auch ein analytisches Element enthält, passiert bei Kinderbüchern nur noch ganz selten, was sie in meiner Kindheit bei mir ausgelöst haben: dieses totale Im-Buch-Verschwinden, die Atemlosigkeit, dieser Wunsch, dass das Buch bitte, bitte nie mehr zu Ende gehen soll.

Und das ist ja vielleicht auch gut so: Bei Kindern sollen Kinderbücher all das auslösen – wenn sie es bei mir täten, wäre ich vielleicht sogar skeptisch, ob sie Kinder ebenso erreichen können oder nicht vielleicht doch eher für eine erwachsene Zielgruppe passen (Und dass Kinder sie lieben können, ist für mich die allererste Voraussetzung für ein gutes Kinderbuch.). Einige wenige Bücher schaffen es natürlich bei beiden, Kindern wie Erwachsenen. Aber Voraussetzung ist das nicht. Kinder sollen sie erreichen, und das, indem sie sie ernst nehmen – aber der Blick Erwachsener auf die Welt ist eben doch ein bisschen anders.

Eigentlich beschäftigt mich im Augenblick beim Gedanken an Lieblingsbücher aber gerade etwas anderes. Erst gestern bin ich von einer Lesungs- und Autorenworkshop-Reise aus Afrika zurückgekommen, und seitdem begreife ich noch besser, wie ungeheuerlich großartig und privilegiert unsere Situation hier in Deutschland ist. Wir haben Bücher ohne Ende und müssen nur noch versuchen, Kinder (besonders auch solche, die von Zuhause den Zugang nicht vermittelt bekommen!) dafür zu begeistern.

Aber was ist in Ländern (und das sind praktisch alle afrikanischen Länder südlich der Sahara), in denen es so gut wie gar keine Bücher für Kinder gibt, schon gar nicht in ihrer Sprache? Da wird plötzlich jedes (englische, französische) Buch, das ein Kind überhaupt in die Hand bekommt, zum Lieblingsbuch, noch Zwölfjährige preisen zum Beispiel mit glänzenden Augen den Froschkönig, aber mehr als 90% aller Kinder (vielleicht mehr als 99%?) haben überhaupt nie ein Kinderbuch gelesen oder vorgelesen bekommen. Die Frage nach dem Lieblingsbuch erwischt mich also gerade auf dem falschen Fuß…“

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