Prioritäten – darauf kommt es an!

Als Geisteswissenschaftlerin hat man ja eine Menge denk- und merkwürdiger Vorstellungsgespräche. Wer sich nicht bereits vorbildlich während des Studiums auf irgendetwas spezialisiert hat, kann nach dem Studium in die unterschiedlichsten Branchen reinschnuppern und dort auf die unterschiedlichsten Menschen treffen.

Als ich am Sonntag über meine frühere Leidenschaft für Elternmagazine fachsimpelte, fiel mir plötzlich ein Vorstellungsgespräch ein, an dem ich vor einigen Jahren beteiligt war und ich wundere mich, dass ich es beinahe vergessen hätte.

Ich war zu einem Gespräch bei einem Food-Magazin eingeladen worden, natürlich hatte ich mich vorbereitet und wusste, dass die dortige Chefredakteurin wiederum ein paar Jahre zuvor ein Elternmagazin gegründet hatte, das sich allerdings nicht lange auf dem Markt hatte halten können.

Das Gespräch verlief sehr gut, ich konnte richtig beantworten, welche Rezepte ich auf der Mai-Ausgabe (Erdbeeren oder Spargel) und der Oktober-Ausgabe (Kürbis oder Äpfel) abbilden würde und hörte, dass es bereits Bewerber gab, die die Äpfel auf das Mai-Cover gesetzt hätten – meine Chancen standen also gut.

Bis zu der Frage, ob ich Vollzeit arbeiten könnte. Ja, sagte ich, das könnte ich, wenn wir nicht über starre Arbeitszeiten von 10 bis 18 Uhr sprechen würden, aber das sollte ja kein Problem darstellen bei einem Food-Magazin, bei dem bereits ein Jahr im Voraus die Themenplanung gesetzt sei.

Nein, sagte daraufhin die Chefredakteurin, das ginge ja gar nicht! Sie hätten das einmal mit einer Mitarbeiterin gemacht, aber das war nichts. Immer wenn die Dame gegen 16 Uhr das Büro verließ, wäre es meist erst richtig los gegangen. Was sie mit „richtig los gegangen“ meinte, sagte sie mir leider nicht. Vielleicht flatterte ständig um 16:02 Uhr das allerneuste Spargelrezept auf den Server – ich weiß es nicht.

Was mir die Frau Chefredakteurin aber sagte war, dass ich mich irgendwann würde entscheiden müssen. Man muss Prioritäten setzen! Sie zum Beispiel hätte damals darauf verzichtet, an der Einschulung ihres Sohnes teilzunehmen und hätte das karrieretechnisch nie bereut.

Den Job habe ich dann nicht bekommen. Und das Elternmagazin der besagten Dame gibt es ja auch schon lange nicht mehr. Ich geh mal gucken, ob es schon Erdbeeren gibt.

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