Irreparabel unglücklich und extrem gut gelaunt

Normalerweise langweile ich Euch hier ja nie mit Klappentexten, doch heute muss ich mit dieser Regel brechen. Auf dem CD-Cover der Headroom-Produktion von Tierchen unlimited steht Folgendes:

Die Geschichte eines Jungen im bosnischen Bürgerkrieg, seiner Flucht nach Deutschland und seinem Leben unter deutschen Neonazis.

Und darunter:

Hart, mitreißend und wahr: An einem Tag weggelesen, schallend gelacht!“

Feridun Zaimoglu

Daraufhin habe ich erst einmal schallend gelacht. Dieser Feridun Zaimoglu, was der wieder mal witzig findet! Und dann begann ich Tierchen unlimited, gelesen von Max von der Groeben, zu hören – und lachte ebenfalls schallend. Na sowas.

Dabei beginnt die Story wirklich nicht zum Lachen: Der Ich-Erzähler rast auf einem Rennrad durch die Pampa, ohne Hose, das Gesicht blutverschmiert. Was war geschehen? Der Bruder seiner Freundin, ein Neonazi, hatte ihn aus dem Bett geprügelt. So beginnt Tierchen unlimited und man weiß sofort: Dies wird nicht die einzige merkwürdige Situation im Leben des Ich-Erzählers sein.

Und man behält Recht, was allerdings auch nicht schwer zu erraten ist anhand der Biographie des Protagonisten: Aufgewachsen im Sarajevo der Neunziger Jahre tauscht er Comics zwischen Granatenhagel und Waffenruhe und muss ansonsten all das durchmachen, was man als heranwachsender Junge so durchmachen muss – allerdings zwischen zerbombten Häusern, relativ vogelfrei und ohne ständige Aufsicht von Erwachsenen.

Dem Ich-Erzähler gefällt dieses Leben sehr gut, es ist ja niemals langweilig, doch seine Eltern beschließen die Flucht nach Deutschland und so landet die Familie in Rheinland-Pfalz, wo unser junger Held zunächst einmal ziemlich aneckt, dann aber Germanistik und Erziehungswissenschaften (!) in Heidelberg studiert. Wer glaubt, dass der Akademikerlaufbahn nun nichts mehr im Wege steht, der sei an die Anfangsszene erinnert: So einfach ist das nicht, wenn man eine traumatische Kindheit in sich trägt und ständig von Neonazis umgeben ist…

Trotz alledem ist Tierchen unlimited wirklich komisch, denn Tijan Sila – selbst 1981 in Sarajevo geboren, 1994 nach Deutschland emigiriert und heute Berufsschullehrer in Kaiserslautern – lässt seinen Ich-Erzähler erstens nie den Mut verlieren und besticht zweitens durch seine messerscharfe Beobachtungsgabe, ganz gleich, ob diese deutsche Studienräte, Germanistikstudentinnen, Dorfnazis oder sich selbst trifft. Dabei verliert er allerdings nicht aus den Augen, was es mit Menschen macht, wenn sie Krieg erleben: Eine geglückte Flucht ist noch lange kein Happy End.

Tijan Sila: Tierchen unlimited. Gelesen von Max von der Groeben (5 CDs, 4:55 Stunden). Headroom 2017, 18,00 €.

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