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„Und was liest du so?“ mit Nikola Huppertz

Autor:innen und Illustrator:innen stellen ihr Lieblingskinderbuch vor

Endlich ist es soweit: Ich wollte sie schon ewig fragen, ob sie auf unserem digitalen (Vor-) Lesesofa Platz nehmen möchte und dann kommt so eine Pandemie um die Ecke und macht, dass Ewigkeiten wie im Fluge vergehen, aber jetzt ist sie da und hat ein ganz wunderbares Bilderbuch im Gepäck – Nikola Huppertz!

Nikola hat sich mit Meine Mutter, die Fee, Meine Omi, die Wörter und ich und Woher ich meine Sommersprossen habe in mein Herz geschrieben, selten habe ich Bücher an so vielen Stellen weiterempfohlen. Und das, wo es in Nikolas jungen Jahren gar nicht danach aussah, als ob sie Schriftstellerin werden würde – nach der Schule startete sie nämlich erst einmal ein Violine-Studium. Doch gleichzeitig machte sie sich Notizen über Notizen, diese wurden schließlich zu Geschichten und diese wiederum zu Büchern und Nikola somit eine waschechte Autorin. Und wenn ich ehrlich bin: Genauso lesen sich Nikolas Geschichten auch, so, als ob da jemand ganz genau hinguckt und ganz genau aufschreibt und es dann in ganz wunderbare Geschichten gießt.

Wer sich davon überzeugen will: Am 8. Februar erscheint Nikolas und Tobias Krejtschis zweiter gemeinsamer Streich im Tulipan Verlag Timo kann was Tolles, ein Bilderbuch über Fantasie, Träume, Mut und Freundschaft – und sicherlich auch wieder mit vielen kleinen, feinen Beobachtungen aus einem überhaupt nicht banalen Kinderalltag. Ich freu mich drauf! Aber jetzt fragen wir erst einmal:

Und was liest du so, Nikola Huppertz?

Es gibt viele Bücher, die ich als Kind geliebt habe, die mich beeindruckten und bewegten, die ich immer wieder hören, lesen und betrachten wollte. Einer meiner frühesten Lieblinge war „Die Reise des einsamen Umirs“ von Ron Brooks und Jenny Wagner, 1973 als „The Bunyip of Berkeley’s Creek“ bei Longman Young Books erschienen, auf Deutsch dann 1978, damals war ich zwei, im Benziger Verlag Zürich/Köln. 1979 wurde es für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Den Berichten meiner älteren Schwestern nach konnte ich nicht genug davon kriegen, wollte über längere Zeit kaum etwas anderen hören. Noch mal, noch mal, noch mal.

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Die Reise des einsamen Umirs, Benziger 1978

Die Geschichte vom vermeintlichen Sonderling, der Ablehnung erfährt und sich selbst finden muss, ehe er sich auch angenommen und geliebt fühlen kann, kennt man in vielen Variationen, Beispiele sind „Das kleine Ich bin Ich“ und „Irgendwie anders“. Aber nirgendwo finde ich sie dermaßen eindrücklich erzählt und darüber hinaus so ausdrucksstark illustriert wie beim einsamen Umir. Im schwarzen Schlamm regt sich etwas, ein Umir entsteigt dem Wasser. Und wer nun wissen will, wer, bitte, dieses Umir ist, steckt schon mitten in der existenziellen Fragestellung des Wesens. Er oder sie teilt seine Sehnsucht danach, gesehen und erkannt zu werden und sich in den Blicken der anderen zu spiegeln. „Wer bin ich?“, fragt das Umir jedes Tier, das ihm begegnet. „Wie sehe ich aus?“

Was es darauf zu hören bekommt, ist wenig schmeichelhaft. „Schrecklich“, „ekelhaft“, „scheußlich“ sind noch die weniger beunruhigenden Antworten. Richtig schlimm wird es, als das Umir an einen Menschen gerät, einen wenig menschlichen Menschen, ausgestattet mit Messgeräten, Bildschirmen und Notizblöcken. „Das weiß niemand“, beantwortet er die Frage nach seinem Aussehen. „Umirs gibt es nämlich gar nicht.“ Das Umir ist erschüttert, von den Kopfwülsten bis zu den Entenfüßen. Ist es? Ist es nicht?

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Die Reise des einsamen Umirs, Innenansicht, Ausgabe von Nikola Huppertz

Von nun an meidet es die anderen, zieht sich zurück und sucht nach einem Ort, an dem niemand es finden kann. Geschützt vor weiteren Schmähungen wagt das Umir endlich einen eigenständigen Blick in den Spiegel. Es kämmt sich den Pelz, sitzt in friedlicher Selbstversunkenheit am Feuer. Natürlich ist es! Offenbar ist es nicht mal das hässlichste aller Wesen. Und es bleibt nicht bei dieser Entdeckung, diesem Ich-Sagen. Als Gewordener wird das Umir Zeuge einer weiteren Schlammgeburt, kann das andere Umir, die Umir angemessen willkommen heißen und wird dabei zum Er. „Und er reichte ihr seinen Spiegel, damit sie es selber sehen konnte.“

Die aus Tausenden von Tuschestrichen bestehenden Illustrationen, überwiegend in Braun- und Grüntönen koloriert, die ich so früh und so oft betrachtete, haben sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Wer in ihnen spazieren geht, bewegt sich noch ganz nah an der Ursuppe, der wir alle entstiegen sind. Sie führen uns zurück dorthin, wo wir wurden, Kinder, Individuen, Menschen, die diesen Namen verdienen. Ich habe das Buch nach meinem Kleinkindalter aus den Augen verloren und erst vor wenigen Jahren aufs Neue antiquarisch erworben. Aber jeder Satz und jedes Bild waren beim Wiederlesen sofort wieder da – und mit ihnen die Emotionen, die sie vor so langer Zeit in mir ausgelöst hatten. Der selbstverliebte, hämische Emu, vor dem man sich verstecken will. Der ignorante Mann, so viel hässlicher als das Umir selbst, es graut einem vor ihm. Und der archaische Freudentanz des Umirs bei der Entdeckung seiner Gefährtin, in den man sofort einsteigen will. Ein Buch, das mit wenigen Worten so viel erzählt, ist groß. Die Illustrationen machen es zu einem Meisterwerk. Das habe ich wohl schon mit zwei, drei Jahren gespürt.


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