Tote Mädchen lügen nicht

Was meinen Medienkonsum betrifft, habe ich eine harte Woche hinter mir: Nicht nur, dass ich Der Club von Takis Würger beendete, ich war außerdem noch süchtig nach der neuen Netflix-Serie Tote Mädchen lügen nicht, die nach der Buchvorlage von Jay Asher entstand. In beiden Romanen geht es um Missbrauch, Depressionen und Gruppen, die nicht wollen, dass das Geschehene ans Tageslicht kommt.

Wer Tote Mädchen lügen nicht noch nicht kennt, dem sei die Serie wärmstens empfohlen. Sie handelt von der siebzehnjährigen Hanna Baker, die das, was von vielen (und auch in anderen Filmen, Serien und Büchern) als „Highschool-Scheiß“ bezeichnet wird, nicht überlebt. Verletzt durch Mobbing, Rufmord und letztendlich einen brutalen Übergriff entscheidet sie sich dafür, sich das Leben zu nehmen. Vorher bespricht sie jedoch noch dreizehn Kassetten – dreizehn Kassetten für dreizehn Personen aus ihrem Umfeld, die sie alle für ihren Tod verantwortlich macht.

Ich weiß nicht, wie das bei Euch ist – ich benötige bei Serien immer eine Identifikationsfigur. Bei Sex and the city war es Miranda (und tatsächlich war auch ich die erste in meinem Bekanntenkreis, die ein Baby bekam), bei Desperate Housewives natürlich Lynette (obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wissen konnte, auch einmal Mutter von drei wilden Kerlen zu sein). Lange Zeit dachte ich während The Good Wife, ich sei Eli Gold, bis mich mein Mann aber eines besseren belehrte und ich feststellen musste durfte, dass ich Elsbeth Tasconi bin. Und bei Modern Family bin ich Cameron, während mein Mann Gloria ist.

Vermutlich wütend über diese Zuordnung, tat mein Mann in der letzten Woche laut seine Verwunderung über meine neue sogenannte Twilight-Sucht kund – ich habe nie mehr als einen Trailer von Twilight gesehen, aber bin mir sicher, dass Tote Mädchen lügen nicht da doch in einer etwas tiefer gehenden Kategorie anzusiedeln ist. Okay, es ist eine klassische Teenie-Serie – aber eine gute!

Und auch in einer Teenie-Serie benötige ich eine Identifikationsfigur. Die ersten Folgen war das natürlich Hanna Baker selbst, wer von uns jungen und alten Mädchen kennt sie nicht, diese Gefühle, unattraktiv, ungeliebt, un-, un-, un- zu sein? Und ein bisschen bleibt davon doch auch noch in unserem tiefsten Inneren bestehen, diese kleinen Reste der Pubertät, die kurz aufflammen, wenn wir irgendetwas im Leben nicht hinkriegen oder wir einfach nur blöd auf einem Foto aussehen. So sind wir (und nachdem ich nun eine Woche mit den Jungs aus Takis Würgers Club und den Schulkameraden von Hanna Baker verbracht habe, kann ich nur sagen, dass ich das trotz allem gerne auf mich nehme).

Doch im Verlauf der Serie wurde mir bewusst, dass ich (natürlich) nicht Hanna Baker bin. Ich bin keine siebzehn mehr, ich habe nach zwanzig Jahren die Dämonen der Pubertät soweit abstreifen können, dass mir ihr Verhalten sofort als das bewusst wurde, was es war: Irrational. Verunsichert. Verletzt.

Und dann wurde mir schlagartig bewusst, welche Rolle ich in diesem Drama hätte, mit wem ich mich abgleichen und notfalls identifizieren könnte: Ich bin verdammt nochmal der Beratungslehrer!

Ich hatte ja bereits etwas über meinen Job erzählt, darüber, dass ich plötzlich Sozialpädagogin an einer Schule bin, ohne Sozialpädagogin zu sein. Auch zu mir wurde bereits ein Jugendlicher gebracht, der über Selbstmord gesprochen hatte. Auch bei mir saß bereits ein Junge am Tisch, der erst seine alkoholkranke Mutter verließ und dann selbst Drogen nahm. Ich soll diesen Jugendlichen dabei helfen, eine sogenannte Anschlussperspektive zu bekommen, doch die Probleme, die sie zum Teil haben, gehen weit darüber hinaus. Sagen wir mal so: Ein Ausbildungsplatz steht da ganz unten auf der To-do-Liste.

Selbstverständlich tue ich dann alles, um diese Jugendlichen an Menschen zu vermitteln, die ihnen besser helfen können als ich. Vieles lässt sich mit gesundem Menschenverstand regeln – aber vieles auch einfach nicht und das würde ich mir auch nie anmaßen. Doch wann ist der Punkt, an dem man Jugendlichen Hilfe aufzwingen muss? Was sind die Anzeichen, wenn sich der Jugendliche nicht öffnet? Was für eine riesige Verantwortung!

Ich bin Gott sei Dank kein siebzehnjähriges verunsichertes und irrationales Mädchen mehr – aber das Wissen darum hilft hoffentlich dabei, die Zeichen zu erkennen. Der Perspektivwechsel tat jedenfalls ziemlich gut.

Jay Asher: Tote Mädchen lügen nicht – Filmausgabe. cbt 2017, ab vierzehn Jahren, 9,99 €.

 

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