Die Netzgemeinde liest vor

Larissa habe ich – wie eigentlich alle in meiner Netzgemeinde – auf Twitter kennengelernt. Ihr No Robots Magazine ist ein ohnehin schon toller Blog, der aber auch noch eine Besonderheit hat: Seit diesem Monat erscheint zusätzlich ein digitales Magazin, das Print-Liebhaber und Blog-Fans gleichermaßen erfreuen wird – schaut Euch die August-Ausgabe doch einfach mal an!

Während Larissa und ich so twitterten, stellte sich heraus, dass auch sie Mutter ist und da habe ich sie sofort verhaftet, uns erzählen, was sie so Zuhause vorliest – was für ein Glück!

Das Lieblingskinderbuch von Larissa vom @NoRobotsMag

Wann habe ich angefangen, vorzulesen? Ich denke, im letzten Schwangerschaftstrimester. Ich war bereits zu Hause und habe kaum mit jemandem geredet. Aus Sorge, mein kleiner Bauchbewohner könnte vergessen, wie sich Mama anhört, begann ich, laut zu lesen. Ich las Wo die wilden Maden graben von Nagel oder auch Die Kinder der Elefantenhüter. Nach der Geburt meines Sohnes ging es so weiter: Während ich ihn stillte, las ich ihm laut Paul Auster, Fredrik Backman oder Patrick Modiano vor. Er war ein Neugeborenes – im schlimmsten Fall war es ihm egal, im besten Fall hat er sich über meine Stimme gefreut. Es wird ihn nicht gestört haben, dass die Texte nicht kindgerecht waren. Nur bei Game of Thrones hatte ich schließlich doch das Gefühl, dass ich lieber für mich alleine lesen sollte. Sicherheitshalber.

Das Kind wuchs, es wurde mobiler und das Vorlesen wurde weniger: Denn das Buch wurde mir schon nach wenigen Worten aus der Hand gerissen. Bald kamen die ersten Laute und ich vermisste die Bücher. Ich vermisste das Lesen und ich wollte mein Kind beim Sprechenlernen unterstützen. Passende Lektüre suchte ich in der Bücherei, unter der Kategorie „Vorlesen für die Kleinsten“. Aber jetzt mal ehrlich? Was gibt es Langweiligeres als Drei-Minuten-Geschichten über Tierbabys? Und wieder dachte ich: „Er versteht doch gar nicht, wovon ich rede. Ich kann ihm doch eigentlich alles vorlesen.“ Also übersprang ich einfach ein paar Jahre bei den Altersempfehlungen und ging gleich zu den Vorlesebüchern für die „Großen“.

Ich suchte einfach ganz frech Bücher aus, die mir gefielen. Mein Kind war noch kein Jahr alt, da las ich Bücher für Vorschulkinder, während er seinen Brei löffelte. Ben von Oliver Scherz fand bei mir Begeisterung, Frerk, du Zwerg! von Finn-Ole Heinrich lehrte mich (nicht das Kind) so wunderbares Vokabular wie „Rülpsplörre“. Aber mein Favorit, das war Snöfrid aus dem Wiesental – Die ganz und gar unglaubliche Rettung von Nordland von Andreas H. Schmachtl, ein ordentlicher Schinken von 240 Seiten – mit wenigen Bildern.

Snöfrid ist vielleicht ein ferner Verwandter von Bilbo Beutlin – zumindest blüht ihm ein ähnliches Schicksal. Erst mal muss ich aber klären, wer oder was Snöfrid überhaupt ist. Wobei, das wer oder was ist leicht geklärt: Snöfrid heißt nicht nur so, er ist auch ein Snöfrid – eine kurzbeinige, wortkarge Mischung aus einem Hamster und einem Biber, die in einer Höhle lebt, Haferbrei isst und gerne seine Ruhe hat. Wie gesagt, er kommt einem Hobbit recht nah.

Eines Tages rettet Snöfrid aber nun ganz aus Versehen ein kleines Feenmännlein. Und wird von diesem prompt als „der Richtige“ auserkoren. Er allein soll in der Lage sein, die verschwundene Prinzessin Gunilla und damit gleich das komplette Wiesental zu retten – ein Ort, an dem Snöfrid bisher niemals gewesen ist. Der kleine Snöfrid kann dazu nur eines sagen: „Hmm.“ Was so viel bedeutet wie: Darauf hat er gar keine Lust. Und er versteht auch ganz und gar nicht, warum ausgerechnet er nun der Richtige für diese Aufgabe sein soll.

Aber weil Snöfrid grundsätzlich zwar ein grummeliger, aber dennoch ein netter Kerl ist, macht er sich schließlich auf den Weg. Und auf der Suche trifft er nicht nur die Feenmännlein wieder, er schließt auch neue und vor allem ungewöhnliche Freundschaften, schlittert in große Gefahren – und läuft viel weiter als er je gedacht hat, dass ihn seine kleinen Stummelbeinchen tragen können.

Ein gutes Kinderbuch zum Vorlesen auszusuchen ist schon eine kleine Wissenschaft für sich. Erst soll es einen nicht langweilen und dann soll es auch noch pädagogisch wertvoll sein. Früher wurden zu Lernzwecken den Kindern in den Büchern dafür sogar gerne mal die Daumen abgeschnitten. Heute ist man da freilich subtiler. Die Autoren behandeln „ihre Kinder“ mit Verständnis und Respekt, dennoch bemüht, die junge Leserschaft nicht auf dumme Ideen zu bringen. Kinderbücher sind oft liebevoll, sensibel und verständnisvoll.

Bei Snöfrid aus dem Wiesental ist all das erstmal egal. Es geht nicht um Kinderprobleme, sondern um ein pummeliges Nagetier auf Abenteuer. Dieses Buch ist nicht wirklich moralisch oder belehrend, nicht bildend, fördernd oder verständnisvoll. Es ist ein Abenteuer, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ist süß, lustig, spannend und überraschend, selbst für den erwachsenen Leser. Da muss das Kind gar nicht erst betteln, dass es noch ein Kapitel mehr hören darf. Im Gegenteil: Hier bettelt man als Mama beinahe schon, doch noch ein bisschen länger vorlesen zu dürfen. Denn man will doch jetzt auch unbedingt wissen: Wo steckt die Prinzessin? Wer ist der Fiesling? Und warum ist denn nun ausgerechnet Snöfrid der Richtige für diese Aufgabe?

Und am Ende ist es dann doch trotzdem noch pädagogisch: Ein Mensch (oder Snöfrid) ist vielleicht pummelig, kurzbeinig und einsilbig. Aber deswegen kann er trotzdem ein guter Kerl sein und auch ein großer Held. Vielleicht gerade weil er doch nicht wirklich etwas Besonderes ist.

Was Snöfrid wohl dazu sagen würde? Vermutlich einfach nur: „Hmm.“

Andreas H. Schmacht: Snöfrid aus dem Wiesental (1). Die ganz und gar unglaubliche Rettung von Nordland. Arena Verlag 2015, ab vier Jahren, 14,99. (Hier könnt Ihr Euch den Trailer ansehen.)

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