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„Und was liest du so?“ mit Frauke Angel

Autor*innen und Illustrator*innen stellen ihr Lieblingskinderbuch vor

Heute mit einem ganz wunderbaren Kindheitstext zu Gast in unserer Lieblingsrubrik Und was liest du so?: Frauke Angel – ausgebildete Schauspielerin, die zwanzig Jahre lang sowohl an deutschen Bühnen, als auch als Putzfrau, Verkäuferin, Grabpflegerin, Schweißerin, Bardame, Luftgitarristin und Ghostwriterin arbeitete, bevor sie 2015 ihr Hörfunk- und 2017 ihr Kinderbuchdebüt gab. Seitdem schreibt Frauke Bücher, Erzählungen und Hörspiele für Kinder, Jugendliche und manchmal auch für den Rest der Familie. Zum Beispiel dieses hier: Oma Kuckuck handelt von den schönen Momenten zwischen einer Oma und ihrer Enkelin. Leider wird die Oma irgendwann so dement, dass sie ins Heim muss. Trotzdem ist die Geschichte nicht so traurig, wie sie zunächst klingt.

Für ihre Texte wurde Frauke Angel bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Kinder-und Jugendliteraturpreis Eberhard, dem MDR Kinderhörspielpreis und dem Österreichischen Kinder-und Jugendliteraturpreis. Letzteren gab es für das wunderbare Bilderbuch Disco (illustriert von Julia Dürr), das ich schon so oft auf Instagram bewundert habe und das ich mir auch unbedingt noch zulegen muss.

Coronagebeutelten Familien auf der Suche nach neuen Hörspielen empfehle ich Fraukes Wir nannten ihn Tüte und überhaupt die kostenlosen Kinderhörspiele von Kiraka und Co und überhaupt alles von Frauke, denn bei ihrem Buchtipp habe ich Tränen gelacht. Deshalb fragen wir jetzt:

Und was liest du so, Frauke Angel?

Mein Lieblingskinderbuch? Vor dieser Frage habe ich mich ehrlich gesagt immer gefürchtet. Als Kinderbuchautorin will man da ja gerne was krass Kluges zum Besten geben. Das hab ich aber leider nicht parat, also muss jetzt die Wahrheit herhalten. Von der ich mir allerdings nicht sicher bin, ob sie es ist, denn meine Kindheit liegt ja schon ein paar Jährchen zurück. Tatsache ist: Obwohl bei uns zu Hause immer und überall Bücher herumlagen, kann ich mich nicht daran erinnern, dass mir als Kind vorgelesen wurde. Was daran liegen könnte, dass meine Mutter alleinerziehend mit zwei Kindern und vollzeit berufstätig war. So war die gemeinsame Zeit knapp und meine Mutter liebte das Lesen ja offensichtlich auch und brauchte dafür Zeit. Vielleicht verbrachte ich deshalb meine Wochenenden häufig bei meinen Großeltern?

Die besaßen allerdings nur drei Bücher: Das große Buch der Kreuzworträtsellösungen, Das große Buch der Krankheiten (mit Abbildungen, sehr interessant!) und die Bibel. Alle drei habe ich verschlungen als ich endlich lesen konnte, so wie ich ab dann wahllos alles las, was mir unter die Finger kam. Und zwar bis zum bitteren Ende (Vor der letzten Seite aufgeben war für mich als Kind nie eine Option, denn ich befürchtete, eventuell die einzig interessante Stelle zu verpassen.).

Doch bis mir das Lesenlernen als die größte Offenbarung aller Zeiten erschien (noch besser als übers Wasser laufen, was ich auch gerne gekonnt hätte), musste ich meine Geschichtenneugier durch Zuhören befriedigen. Neben dem Radio, von dem ich lange dachte, dort säßen echte Menschen drin und vor dem ich stundenlang mit meinem Opa abhing, während Oma sich mit dem Sonntagsbraten abmühte (ein Kochbuch gab es leider nicht), besaß ich einige Langspielplatten. Auch hier war die Auswahl für ein fünfjähriges Mädchen vielleicht ein wenig krude, aber ich schwöre, dass ich meine Lieblinge noch heute lippensynchron mitsprechen könnte. Unvergessen ist mir neben Winnetou (Nscho tschi im Sterben: „Winnetou, mein Bruder räche mich!“) das Wirtshaus im Spessart (Frauen in Männerkleidung fand ich immer ganz toll), außerdem Als ich ein kleiner Junge war (erst viel später habe ich verstanden, dass der kleine Erich Kästner seine Mutter nachts von den Dresdner Brücken holte, damit sie nicht in den Tod sprang, aber die Stelle, an der sie sich an der Hand ihres Kindes wieder nach Hause führen lässt, hat mich zutiefst berührt und sehr glücklich gemacht) und zu guter letzt eine besonders gruselige Fassung von Schneewittchen, bei der sich die böse Stiefmutter am Ende zu Tode tanzen muss. Das Klackern ihrer eisernen Schuhe zum immer schneller werdenden Rhythmus der Musik und schließlich ihr gellender Todesschrei sind mir bis heute im Ohr. Großartig!

Aber zurück zu den Büchern. Zwei aus dieser Zeit sind mir tatsächlich eingefallen, die mich angespornt haben, das Lesen zu lernen. Das eine war Meyers Kinderlexikon. Wenn meine Freunde mich zum Spielen rausklingelten, brüllten sie durchs Treppenhaus: „Und bring das Buch mit!“ Dabei konnte noch niemand von uns lesen. Doch in diesem Lexikon waren die Begriffe auch illustriert dargestellt. Die Seiten mit den Buchstaben B und Z sahen wir uns – versteckt auf Baustellen oder Kohlehalden – wieder und wieder an. Denn bei B lächelte uns ein nacktes gemischtgeschlechtliches Paar aus einem Badezimmer entgegen und bei Z putzten sich ein Junge und ein Mädchen ebenfalls unbekleidet im selben Badezimmer die Zähne. Warum das so war, konnten wir uns nicht erklären, denn wir trugen beim Zähneputzen Schlafanzüge und unsere Eltern lächelten auch nicht wie Schaufensterpuppen. Aber wir waren unglaublich fasziniert von dieser fremden Welt.

Und leider auch unglaublich enttäuscht als wir schließlich lesen konnten und sich herausstellte, dass der dazugehörige Text tatsächlich nur die Begriffe „Badezimmer“ und „Zähneputzen“ beschrieb. In unserer aller und in meiner speziellen Fantasie war im Badezimmer der nackten Fremden mit dem zweifelhaften Lächeln etwas sehr viel Aufregenderes passiert.

Jetzt könnte der falsche Eindruck entstehen, in meiner Kindheit sei etwas schiefgelaufen, dass meine Fantasie solche Blüten trieb und deshalb komme ich jetzt mit dem zweiten Lieblingsbuch meiner Kindheit und einem Versöhnungsangebot: Die Wawuschels mit den grünen Haaren. Denn die waren als Kind tatsächlich mein Traum einer heilen Familie.

Eigentlich sind die Wawuschels kleine Wesen mit grünen Haaren, die im Dunkeln leuchten, weshalb sie in einem Wald in einem Berg wohnen können, aber zu ihrer Evolution wurde nichts gesagt oder ich habs überlesen, das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist: Die Mutter kocht den ganzen Tag Tannenzapfenmarmelade, denn die Wawuschels ernähren sich ausschließlich davon und das auch nicht zu knapp. Sie essen immer so viel wie reinpasst. Dann müssen sie schlafen, weil nichts mehr geht (Und alle Wawuschels schnarchen wunderschön!).

Alle sind: Die Wawuschel Tochter ist schlau – und lernt später als einzige das Lesen. Ihr Bruder ist nicht sooo schlau. Aber trotzdem ein dufter Typ. Der Vater ist auch nicht die hellste Kerze auf der Torte. Außerdem ein Messie. Seitdem er eine Fibel gefunden hat, versucht er das Lesen zu lernen, aber weiter als „Die Kuh frisst“ kommt er nie. Der Onkel raucht den ganzen Tag. Und denkt auch an nichts anderes. Und dann die Oma. Die hütet das Familienzauberbuch und konnte früher lesen. Nur ist sie inzwischen scheinbar dement und hat vergessen wie das mit dem Lesen geht. Deshalb haben die Wawuschels auch einen Drachen, anstatt einem Herd (da ist beim Zaubern mal was schiefgelaufen). Auf dem Drachen wird die Marmelade gekocht. Die dann das Mamoffel, ein einsames und gefräßiges Monster, den Wawuschels wegfressen will.

Ja, so war das.

Und ich denke, ich war verliebt in das Mamoffel.

Denn das spricht so schön:

„Kommt doch än mäne Höhle, bäsocht mäch doch än bäßchen …“

Und weil ich seit Corona ja auch ein bisschen einsam bin, möchte ich damit schließen. Besucht mich gerne in meiner Höhle www.fraukeangel.de

Oder ladet mich zu euch ein. Ich kann jetzt nämlich richtig gut lesen.

Bis bald im Wald

Frauke


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