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Zug der Fische

Ein Bilderbuch über ein Thema, das ungern besprochen wird

Seit den Corona-Ausbrüchen in Schlacht- und Gurkenhöfen wird über die Arbeitsbedingungen von Arbeitsmigrant*innen diskutiert, die dafür sorgen, dass wir im Mai pünktlich unsere Erdbeeren und unseren Spargel und ganzjährig unser Wurstbrot auf dem Tisch haben. Es ist gut, dass darüber diskutiert wird und dass es nun neue Gesetze gibt, die vermeiden sollen, dass Arbeitskräfte unmenschlich behandelt werden (wobei: Wer von uns glaubt, dass das vorher niemandem in der Politik aufgefallen war?). Doch wisst Ihr, worüber nicht gesprochen wird? Darüber, dass diese gesichtslos anmutende Masse an Arbeiter*innen (ähnlich wie die „Flüchtlingswelle“) Menschen mit einem Leben und der Verantwortung für eine Familie sind.

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Zug der Fische, Carlsen 2020

Yaroslava Black und Ulrike Jänichen haben diesen Menschen, ihren Familien und vor allem den Kindern nun ein Gesicht gegeben und sind dafür mit dem 1. Hamburger Bilderbuchpreis ausgezeichnet worden. In Zug der Fische erzählen sie die Geschichte von Marika, die in einem ukrainischen Dorf bei ihrer Großmutter lebt. Sie sammelt Blaubeeren und verkauft diese auf dem Markt, doch ihr Lebensunterhalt wird von ihrer Mutter bestritten, die in Italien arbeitet und der Tochter Geld über Western Union schickt. Auch zu Weihnachten kommt Marikas Mutter nicht nach Hause, um zu sparen. Und dieses Leben von Marika ist kein Einzelschicksal.

Zug der Fische, Carlsen 2020

Die meisten Eltern aus dem Dorf arbeiten in Italien, alle sind weit weg und zurück geblieben sind nur die Alten und die Kinder. Wo Großeltern fehlen, behüten große Geschwister die kleineren; und an den Wänden hängen bunte Postkarten aus Italien…

Eines Tages kurz vor Weihnachten folgt Marika ohne nachzudenken dem Fluss, der durch ihr karpatisches Dorf fließt, und den blauen Fischen, die in ihm schwimmen. Plötzlich sieht sie an einer Stelle alle Kinder des Dorfes am Ufer stehen, der Älteste von ihnen schreibt etwas auf ein Blatt Papier. Als Marika näher kommt, erfährt sie, dass die Kinder Botschaften an ihre Eltern auf die Geldscheine schreiben, die sie geschickt bekamen, und diese in den Fluss werfen. Zerrissen zwischen dem schlechten Gewissen, undankbar zu sein, und der Sehnsucht nach den Eltern.

„Komm zurück!“, steht auch auf Marikas Schein. Hinzugefügt hat sie den Weihnachtsgruß: „Christus wird geboren!“ Und noch kleiner in die Ecke: „… nur, ohne Dich merke ich es nicht.“

Aus: Zug der Fische, Carlsen 2020
Zug der Fische, Carlsen 2020

Und da habe ich ein wenig geweint.

Marika und ihre Freund*innen sind kein Einzelfall, den es nur in diesem einen ukrainischen Dorf gibt oder meinetwegen nur in der Ukraine. Für Marika und ihre Freund*innen gibt es bereits eine Bezeichnung: „Eurowaisen“ – eine unendliche hohe Zahl (manche gehen von einer Million aus) an Kindern in Osteuropa, die ohne ihre Eltern aufwachsen, weil diese in den westlichen Ländern als Erntehelfer*innen, Schlachter oder Pflegekräfte zu Niedriglöhnen arbeiten und nur ein- bis zweimal im Jahr nach Hause kommen. Früher hat der Krieg in Europa Kinder zu Waisen gemacht, heute ist es die Reisefreiheit.

Interessieren tut sich niemand für diese Kinder – weder die Staaten, in denen sie leben, noch diejenigen, die ihre Wirtschaft mit billigen Arbeitsmigrant*innen aufrechterhalten und Gewinne maximieren. Momentan ist viel von Fair Trade, ökologischen Fußabdrücken und Nachhaltigkeit die Rede – Zug der Fische zeigt, dass dieses Thema noch viel größer ist. Der Preis, den diese Kinder zahlen und den wir alle zahlen werden, wenn ganze Generationen verloren gehen, ist zu hoch. Das sollte in den neu gestarteten Diskussionen über Schlachter und Erntehelfer*innen endlich bedacht werden.

Yaroslava Black, Ulrike Jänisch: Zug der Fische. Carlsen 2020, ab 4 Jahren, 18,00 €.

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