Die Netzgemeinde liest vor

Heute gibt es endlich einmal wieder einen Beitrag in der von mir ebenfalls sehr geliebten Rubrik Social Reading. Cosima von der @landfamilie erzählt uns etwas über ihr Lieblingskinderbuch. Doch zunächst erzähle ich noch kurz etwas über Cosima.

Cosima ist ebenso wie ich Literaturwissenschaftlerin und Mutter von drei Kindern. Momentan ist sie mit ihrem dritten Kind in Elternzeit, ansonsten arbeitet sie als freie Texterin und Redakteurin. Auf ihrem Blog Landfamilie.net berichtet Cosima über das Leben auf dem Land als Hinzugezogene – sie und ihre Familie sind nämlich erst vor anderthalb Jahren in ein Dorf im Schwarzwald gezogen und da gibt es viel zu berichten, da man als Städter die auf dem Land herrschenden Gepflogenheiten natürlich ganz anders betrachtet. [Ich könnte das vermutlich wahrscheinlich ganz bestimmt nicht. Finde es aber äußerst spannend zu lesen.]

Nun aber zurück zu Cosimas Vorlesetipp, leider ist das Bilderbuch vergriffen, aber vielleicht findet Ihr es ja in Eurer Bücherei:

Die kleine blaue Lokomotive handelt von Hilfsbereitschaft und über das Sich-Hinausgehen. Die Wagen einer kleinen mit Spielzeug gefüllten Bimmelbahn müssen über einen Berg gezogen werden. Mehrere ebenso große wie dumpfbackene oder alte Lokomotiven weigern sich. Doch eine junge, kleine blaue Lokomotive traut sich die Aufgabe zu. Die Gewinner sind: die Spielzeuge, die Kinder, die am Ende mit dem Spielzeug spielen dürfen sowie die kleine blaue Lokomotive selbst, die sehr stolz auf ihre eigene Leistung ist: „Ich habs geschafft!“ Ein Plot für jeden Disneyfilm.

Ich habe seltener ein so farbiges Buch mit einer ebenso so simplen wie emotional erzählten Geschichte in der Hand gehabt. Wir haben die gebundene deutschsprachige Ausgabe vom Carlsen Verlag von 1988, die ich selbst schon als Kind gelesen habe.

Wenn wir unseren drei Kinder abends etwas vorlesen wollen, muss es ein Buch sein, das Kind 1 (7 Jahre) nicht zu doof findet, das Kind 2 (2 Jahre) schon versteht und das nicht zu lang ist, damit Kind 3 (8 Monate) sich nicht langweilt.

Kind 1 kann schon lesen. Die kleine blaue Lokomotive ist was für Leseanfänger, aber ohne den belehrenden Tonfall, den ich leider in vielen Leseanfänger-Büchern finde. Es gibt es nur ganz wenige Sätze pro Seite, denn die Kleine blaue Lokomotive ist hauptsächlich ein Bilderbuch. Kind 1 und ich lesen abwechselnd jeder eine Seite.

Dabei denkt sich die Mama: „Hach, ist das aber in einer schönen Serifenschrift (Warum nur sind alle Kinderbücher und Lesefibeln heutzutage in diesem geleckten Arial?). Und so eine schöne Sprache. Und hier geht der Mond auf und die Lokomotive ist sich und allen anderen treu und voller Selbstvertrauen und belohnt sich und die anderen mit ihrem Durchhaltevermögen. Dabei ist sie so bescheiden und nicht anbiedernd. Davon können wir uns alle eine Scheibe abschneiden!“

Kind 1 denkt: „Toll, wie schnell das Lesen geht! Ich lese genauso viel wie Mama und ich kann schon alles verstehen. Jetzt haben wir schon wieder eine Seite geschafft! Mein Bruder hört mir gespannt zu.“

Kind 2 denkt: „Die eine Dampflok ist kaputt! Die Lokomotiven haben alle Glocken. Die eine hier ist ganz groß. Aber sie will nicht helfen. Die rote ist sooo müde. Jetzt kommt die blaue. Sie lächelt. Sie kann helfen. Sie fährt ganz weit über den Berg. Puh, ist das schwer. Aber sie hat es geschafft!“

Kind 3 denkt: „Wieder so ein Buch mit dünnen Papierseiten! Die kann man so schön mit den Händchen zerknautschen! Schade, dass Mama mich nicht lässt. Ich muss schnell zu meinem Spielzeug robben, sonst wird mir langweilig. Aber es ist schön, dass Mama und meine Geschwister gerade so ruhig sind. Und gut, dass das Vorlesen nicht so lange dauert.“

Watty Pieper, Ruth Sanderson: Die kleine blaue Lokomotive (Übersetzung: Ursula KopschLanghein). Carlsen Verlag 1984, ab drei Jahren.

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