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„Und was liest du so?“ mit Barbara Laban

Autor:innen und Illustrator:innen stellen ihr Lieblingskinderbuch vor

Heute ist auf unserem digitalen (Vor-) Lesesofa Barbara Laban zu Gast. Und da könnte man ja direkt wieder ein Loblied auf das Internet singen, denn seit zehn Jahren lebt sie in London. Sie war und ist gerne in der Welt unterwegs, davor hatte sie ihren Wohnsitz in Amsterdam. Barbara hat Sinologie und Japanologie in München, London und Taipeh studiert und schon immer gerne gelesen, aber erst spät mit dem Schreiben begonnen. Ihr erstes Buch ist vor etwa zehn Jahren entstanden, kurz nach ihrem Umzug von Amsterdam nach London. Und dann hatte sie großes Glück, wie sie selbst sagt, denn gleich ihr erstes Kinderbuch Im Zeichen des Mondfests gewann einen Literaturpreis und wurde daraufhin veröffentlicht. Es folgten in den letzten Jahren sieben weitere Bücher für Kinder (davon zwei auf Englisch) und zwei für Erwachsene.

Barbara teilt sich ihr Zuhause mit ihren beiden Töchtern, ihrem Mann und zwei Katzen – Mia und Scout. Ihr Faible für diese eigensinnigen Geschöpfe hat sie zu ihrem aktuellen Kinderbuch Mitternachtskatzen – Die Schule der Felidix inspiriert. Die beiden menschlichen Katzenflüsterer:innen Nova und Henry, London und eine Menge Katzen spielen darin die Hauptrolle.

Die Arbeit an den Mitternachtskatzen begann 2020 – das Jahr, in dem es für uns normal wurde, sich nur noch auf dem Bildschirm zu sehen. Vielleicht hat dies der Distanz zwischen Autorin, Verlag und Illustrator ein wenig den Schrecken genommen. Barbara ist jedenfalls sehr glücklich, an einem so europäischen Projekt beteiligt zu sein. Sie und die deutsche Lektorin kommunizieren mit dem französischen Illustrator Jérôme auf Englisch. Barbara ist fasziniert, wie er die Katzen und Menschen trotz der Sprachbarriere auf Papier eingefangen hat, genauso wie sie sie sich immer vorgestellt hat.

Band zwei der Mitternachtskatzen hat Barbara bereits fertig. Darin besuchen die Kinder weiterhin Horatios Schule im Turm. Es kommen auch einige neue Charaktere dazu. Der englische Katzenkönigshof ruft einen großen Wettbewerb aus, denn Katzenkönigin Quinn sucht neue Mitternachtskatzen. Und die Leser:innen lernen in Band zwei auch den Katzentyrannen von Schottland kennen – König Fergus Finnigan, der seine ganz eigenen Pläne hat…

Und was gibt es sonst noch für schöne Kinderbücher? Wir haben Barbara nach ihren Favoriten befragt und warum gerade diese Bücher für sie eine Bedeutung haben und hatten und deshalb fragen wir jetzt:

Und was liest du so, Barbara Laban?

Wie so viele Kinder auch heute noch bin ich mit den Erzählungen von Astrid Lindgren großgeworden. Obwohl ich Pippi, die Brüder Löwenherz und Lotta liebte, verlor ich mein Herz jedoch an einen schönen, grundgescheiten, gerade richtig dicken Mann in den besten Jahren, der noch dazu einen Propeller auf dem Rücken trug. Was hätte ich dafür getan, mit Lillebror zu tauschen und Karlsson vom Dach meinen Nachbarn und Freund zu nennen!

Karlsson vom Dach ist pure Anarchie. Regeln und Obrigkeiten lösen sofortigen Widerstand in ihm aus. Und trotz allem schafft er es, die Bösen zu besiegen und jederzeit die Ordnung à la Karlsson wiederherzustellen. Wer erinnert sich nicht an seinen grandiosen Sieg über die Einbrecher Fille und Rulle? Zum Glück ahnten meine Eltern nichts von Karlssons antiautoritärem Einfluss, als sie mich die Bücher wieder und wieder aus der Bücherei der katholischen Kirche meiner kleinen Heimatstadt ausleihen ließen. Alle zwei Wochen kehrte ich – Buch in der Hand – zurück, um mir einen neuen Stempel und mehr Zeit mit Karlsson zu ergattern.

Karlsson vom Dach, Ausgabe von Barbara Laban

Ganz allgemein liebe ich Geschichten für Kinder, in denen fantastische Begleiter:innen vorkommen. Philipp Pulmanns Pantalaimon in Der goldene Kompass, Cornelia Funkes Schwefelfell in Drachenreiter, Miyazakis Totoro – treu und verlässlich helfen sie Kindern sich gegen große Gefahren und kleine Alltagsschwierigkeiten zu behaupten. Und oft sind sie wirklicher als die wahren Menschen, denen die Protagonist:innen begegnen. Zumindest sind sie lustiger und unkomplizierter. Als Lillebrors Mutter ihren Sohn sanft darauf hinweist, dass der doch lieber mit seinen richtigen Freund:innen Krister und Gunilla spielen soll, weil Karlsson ja vielleicht nur ein Gedanke sei, zitiert Lillebror seinen Helden vom Dach: „Karlsson meint, dass Krister und Gunilla Gedanken sind. Außerordentlich dumme Gedanken.“ Schöner kann man Realität und Fantasie nicht miteinander vermischen.

Dann ist da natürlich die Tatsache, dass Karlsson niemals an sich selbst zweifelt. Selbst wenn er nur ein Gedanke wäre, dann natürlich „der beste Gedanke der Welt“. Ich hatte als Kind mit mäßigen Schulnoten und ewiger Zahnspange ein Problem mit dem Selbstbewusstsein. Zu gerne wäre ich Karlssons Beispiel gefolgt, der sich in jeder Situation einfach für den Besten hält. Der beste Baumeister, der beste Pfannkuchenesser der Welt, der beste Streichemacher. Karlssons Auftreten war ein aufrichtiges Plädoyer für ein gesundes Selbstbewusstsein, dem der Erfolg schon von selbst folgen würde oder auch nicht. Wen interessiert das am Ende schon?

Auch Karlssons Humor finde ich heute wie damals unschlagbar. Zum Beispiel seine Antwort auf die Frage der staunenden Gunilla, als sie den Mann mit Propeller endlich zu sehen bekommt: „Ist das Karlsson vom Dach?“ Da kontert er mit perfektem Sarkasmus: „Denkst du, es sei die alte Frau Gustafsson aus Nummer 92, die sich hier heraufgeschlichen hat und für eine Weile zusammengerollt hat?“ Man sagt ja manchmal, dass Kinder mit Sarkasmus und Ironie nichts anfangen können. Ich denke, Karlsson beweist das Gegenteil. Stundenlang verbrachte ich kichernd über seinen rotzfrechen Bemerkungen.

Ich muss gestehen, dass Karlsson mir auch manchmal Ärger eingebracht hat. Dummerweise hatte ich ein gutes Gedächtnis und öfter einige seiner Antworten parat auf Fragen, die meine Eltern mir stellten. „Wild, aber schön“ zum Beispiel, wenn ich zu sehr tobte. Oder „das stört ja wohl keinen großen Geist“, was eigentlich in fast jeder Situation angewandt werden kann.

Das Zitat, mit dem ich meine Eltern vermutlich am meisten schockiert habe, verwendete ich einmal gekonnt beim Mittagessen. Ich hatte sehnsüchtig auf eine Gelegenheit gewartet, in der ich es endlich loswerden konnte. Im Buch schleudert Karlsson es der strengen, humorlosen Aufpasserin Fräulein Bock entgegen. Als ich missmutig in meinem etwas scharfen Essen stocherte und daraufhin ermahnt wurde, sagte ich frei nach Karlsson etwas in der Richtung von: „Wir können das ja mal kleinen Feuerfresserkindern anbieten. Falls jemand die Adresse von denen hat.“

Nichts von dem, was Kindergeschichten so magisch macht, fehlt in Karlsson vom Dach. Der unterschätzte und etwas einsame Protagonist, sein unerschütterlicher fantastischer Freund, fiese Einbrecher und humorlose Babysitter und explodierende Dampfmaschinen. Außerdem wird natürlich noch der Traum vom Fliegen erfüllt. Diesmal nicht auf einem Drachen oder Fabelwesen, sondern auf dem Rücken eines ungewöhnlichen Mannes mit Hilfe eines ganz gewöhnlichen Propellers.

Karlsson vom Dach, Ausgabe von Barbara Laban

Gerne würde ich den anarchistischen Einfluss, den Karlsson auf mich ausgeübt hat, etwas übertreiben und sagen, ich hätte meine Ausgabe (siehe Fotos) aus der Bücherei geklaut. Man sieht ja noch den Aufkleber. Die Wahrheit ist, dass die katholische Kirchenbücherei dem traurigen Schicksal der Schließung zum Opfer fiel. Die verbliebenen Bestände wurden verkauft. Ich stand als Allererste in der Schlange, Karlsson fest in meiner Hand, und habe das Buch rechtmäßig mit meinem Taschengeld erworben.


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