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„Und was liest du so?“ mit Anastasia Braun

Autor*innen und Illustrator*innen stellen ihr Lieblingskinderbuch vor

Heute freue ich mich sehr, mal wieder eine Instagram-Bekanntschaft auf meinem digitalen Vorlesesofa begrüßen zu dürfen – manchmal kann man dieses Internet doch einfach nur gern haben: Herzlich willkommen Anastasia Braun!

Anastasia lebt als Grafikdesignerin mit Mann und zwei Kindern in der Pfalz, ihr Schwerpunkt sind Coverdesigns und eines könnt Ihr zum Beispiel bei Mirella Manusch bewundern, einer Erstleser*innen-Reihe über ein Vampirmädchen, erschienen bei Schneiderbuch. Anastasia illustriert und designt aber nicht nur, sondern schreibt auch selbst Kinderbücher: 2019 veröffentlichte sie gemeinsam mit ihrem Sohn das Vorlesebuch Rumsum – Die kleine Stubenfliege, dessen Erlös sie an das Kinderhospiz Sterntaler e.V. in Mannheim spendete, im Januar erschien nun ihre erste Verlagsveröffentlichung Voll relativ! Der Tag, an dem die Zeit verschwand. Das Buch erzählt wie im kleinen Städtchen Schnellbach plötzlich alle Uhren verschwunden sind und die – sonst getriebenen – Erwachsenen komplett durchdrehen. Ein verrückter Zeitreisespaß für Kinder ab acht Jahren.

Andere Kinderbuch-Projekte sind bereits in Arbeit, aber die dürfen wir an dieser Stelle noch nicht verraten. Ich persönlich drücke jedenfalls nach einem Gespräch mit Anastasia ganz besonders die Daumen! 😉 Nun nähern wir uns aber erst einmal Anastasias liebsten Kinderbüchern – Ihr dürft sehr gespannt sein, denn Anastasia kam 1993 als Achtjährige mit ihrer Familie nach Deutschland und erschloss sich die Welt der deutschen Sprache und auch die der Bücher erst nach und nach. Und deshalb fragen wir jetzt:

Und was liest du so, Anastasia Braun?

Als Kind hatte ich keine Bücher. Lediglich einen Koffer mit ein paar Kleidern und Stiften. Lange Zeit bestand meine Welt daher aus Bildern. Ohne meine Filzstifte habe ich das Haus nicht verlassen, denn oft waren sie die einzige Möglichkeit, mich zu verständigen. 1993, als ich mit meiner Familie Kirgisistan verließ und nach Deutschland kam, war die neue Sprache für mich nichts anderes als seltsam klingende Laute. Da meine Eltern kein Deutsch sprachen, gab es auch niemanden, der mir die klassischen, deutschen Kinderbücher vorgelesen hat. Deshalb zog ich mich in die Welt meiner Zeichnungen zurück. Für mich war schon damals klar, dass ich das Malen irgendwann zum Beruf machen würde, denn es war das Einzige, das ich wirklich gut konnte.

Erst als die seltsam klingenden Laute mehr wurden und ich selbst das Lesen erlernte, eröffnete sich für mich eine neue Welt. Ich hatte sehr viele Geschichten aufzuholen, und die Liebe zu Kinderbüchern blieb bis heute. Weil das echte Leben eine der großartigsten Herausforderungen ist, liebe ich auch Bücher mit Ecken und Kanten. Geschichten, in denen man sich wiederfindet. Ein*e Held*in ist für mich niemand, der besser oder stärker ist als all die anderen. Ich möchte mich der Figur nahe fühlen, mit ihr lieben und leiden. Auch eine fiktive Welt kann mehr hergeben als Glitzer und Vanilleduft.

Deshalb mag ich Mollis Sommer voller Geheimnisse so sehr. Denn hier gibt es statt Glitzer einen mies gelaunten Ziegenbock. Molli ist zehn Jahre alt und eine echte Erfinderin. Sie baut aus allem möglichen Krimskrams coole Sachen zusammen. Zum Beispiel ihre Zahnbürste, die sie aus einem Handmixer konstruiert hat. Und dann ist da noch Gro, Mollis allerbeste Freundin, die nur Unsinn im Kopf hat. Die Mädchen vertrauen sich alles an, auch, dass Molli den Freund ihrer Mama furchtbar ätzend findet. Mollis kleiner Halbbruder ist zwar süß, aber ihre Mama scheint kaum noch Zeit für sie zu haben. Wenigstens ist auf Gro immer Verlass. Doch da gibt es etwas, das Molli sogar vor ihrer besten Freundin verbirgt. Und als die Mädchen im Birkenwald auf einen geheimen Briefkasten stoßen, in dem sie eine an Molli adressierte Postkarte finden, scheint Mollis Geheimnis sie zu verschlingen. Molli weiß nicht mehr, was sie glauben soll, und begibt sich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit und zu sich selbst. Manche Dinge lassen sich nun mal nicht mit Worten erklären. Man muss sich ihnen stellen, um seinen Seelenfrieden zu finden. Das Ende dieser Geschichte ist kein Glitzer mit Vanilleduft. Aber es ist ein ehrliches Ende und deshalb ein gutes.

Mollis Sommer voller Geheimnisse

Wie auch in dem Buch Von Großeltern, Piranhas und vielem mehr. Nico und seinen Opa Rufus verbindet eine ganz besondere Freundschaft. Sie verbringen jede Menge Zeit zusammen, sie fahren Fahrrad, lesen Bücher und sind sogar schon einmal tausenden Piranhas entkommen. Opa Rufus erzählt Nico von seinen eigenen Großeltern und welche wilden Abenteuer sie gemeinsam erlebt haben. All diese schönen Erinnerungen bewahrt sich Nico, damit ersie eines Tages seinen Kindern erzählen kann. Ganz vorsichtig und einfühlsam greift Rocio Bonilla den Moment des Loslassens auf. Aber traurig ist die Geschichte keineswegs. Die Autorin schafft es gekonnt, dieses heikle Thema auf eine sehr humorvolle und herzliche Weise zu transportieren. Der Tod an sich spielt in der Geschichte keine zentrale Rolle. Die Botschaft ist das Leben und Erleben der Zeit mit den Großeltern und dass diese Erinnerungen unsterblich sind.

Von Großeltern Piranhas und vielem mehr

Ein weiteres Buch, zu dem ich immer wieder greife, ist Der Junge aus der letzten Reihe. Denn Zuhause ist da, wo man ohne Angst einschlafen kann. Wo das Herz vor Glück wild im Brustkorb springt. Zuhause ist da, wo man frei ist. Onjali Q. Raúf erzählt die Geschichte eines Jungen namens Ahmet, der vor dem Krieg in seinem Land fliehen musste. Und das ohne seine Eltern. Man könnte nun meinen, es ist eine dieser ergreifenden Geschichten, die einen traurig zurücklassen und für ein Kinderbuch vielleicht zu „schwer“ sein könnten. Ist diese aber keinesfalls. Die Autorin erzählt aus einem völlig anderen Blickwinkel, sodass man stets mehr an das Gute in den Menschen glaubt. Ich konnte die Geschichte ohne Bauchschmerzen meinen Kindern vorlesen, ihnen damit zeigen, was gerade auf der Welt passiert oder besser gesagt, was nicht länger passieren darf. Ein sehr bewegendes und dennoch erheiterndes Abenteuer über die unzerstörbare Macht der Freundschaft, das meiner Meinung nach jeder mit seinen Kindern lesen sollte. Denn es gibt in jedem Klassenzimmer ein Kind aus der letzten Reihe.

Der Junge aus der letzten Reihe

Auch Sally Jones – Mord ohne Leiche gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Sally Jones ist anders. Nicht weil sie eine Gorilladame ist, die schreiben und lesen kann, sondern weil sie die Dinge auf eine besondere Art löst. Auf ihre selbstlose und gutmütige Art. Sie fragt nicht nach dem „Wieso“ und dem „Warum“. Sie braucht keine Worte, um zu erkennen, dass jemand Hilfe braucht. Ihre Gefühlswelt ist mir wirklich sehr nahe gegangen. Besonders toll finde ich, dass Sally Maschinistin ist, ein Beruf, der in dieser Zeit nur von Männern ausgeübt wurde. Die Geschichte spielt in Lissabon um 1900. Nachdem ein geheimnisvoller Mann im Hafen ins Wasser fällt und spurlos verschwindet, wird Sallys Freund, Henry Koskela, des Mordes angeklagt und zu 25 Jahren Haft verurteilt. Das kann Sally Jones nicht hinnehmen, schließlich war sie an dem Abend mit Henry zusammen und weiß, dass all die Anschuldigungen völlig aus der Luft gegriffen sind. Und so nimmt Sally die Sache selbst in die Hand. Dabei reist sie um die halbe Welt und trifft ganz viele Menschen, die ihr Steine in den Weg legen und ihr sogar schaden wollen. Aber sie gewinnt auch außergewöhnliche Freund*innen, die sie bei ihren Ermittlungen mit ganz viel Herzblut unterstützen. Ganz besonders gefallen mir Jakob Wegelius Illustrationen, immer wieder eine Inspiration!

Sally Jones Mord ohne Leiche

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