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„Und was liest du so?“ mit Andrea Karimé

Autor*innen und Illustrator*innen stellen ihr Lieblingskinderbuch vor

In diesen Tagen geht es Schlag auf Schlag bei Und was liest du so? und das macht mich sehr glücklich! Heute zu Gast auf dem digitalen Lesesofa: Die Kinderbuchautorin und Sprachkünstlerin Andrea Karimé, von der in der letzten Woche ein Satz reichte, um mein oft aufgewühltes Herz für einen Moment zu beruhigen und mich entspannt durchatmen zu lassen. Und dabei war es nur eine ganz kleine Situation.

Monsieur 2 besucht momentan Andreas interkulturelle Online-Schreibwerkstatt (mehr dazu schon einmal hier) und bei der Begrüßung fragte sie ganz wertschätzend: „Wird dein Name arabisch oder französisch ausgesprochen?“, als sei dieser Name die normalste Sache der Welt. Was er auch ist. Prinzipiell. Kein „Huch, das ist aber schwer!“, keine Diskussion. Und da habe ich gewusst, dass Monsieur 2 in Andreas Schreibwerkstatt genau richtig ist. Dass die Messieurs zwischendurch, in ihrem sehr deutschen bildungsbürgerlichen Leben, in dem sie häufig der einzige Exotikfaktor im Leben anderer sind, solche Momente unbedingt brauchen. Die Begegnung mit Menschen, die um die Aussprache ihres Namens und das Leben mit einem solchen wissen. Das lässt auch mich, die Mutter, die regelmäßig auf vermeintliche und für alles verantwortliche Gene angesprochen wird, kurz durchatmen.

Nun aber genug von uns und zurück zu Andrea, die das alles so gut kennt, weil sie in einem deutsch-libanesischen Haushalt aufgewachsen ist und in einem Mix aus Nordhessisch, Libanesisch und Französisch Sprache entdeckt und lieben gelernt hat. Andrea Karimé ist ursprünglich Grundschullehrerin und hat schon im Unterricht ihre Schüler*innen zum Schreiben motiviert. Das klappte so gut und die nebenbei geschriebenen Kinderbücher wurden so erfolgreich und mehrfach ausgezeichnet, dass Andrea seit 2007 freiberufliche Kinderbuchautorin ist und regelmäßig Schreibwerkstätten und Workshops für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gibt.

Für Tee mit Onkel Mustafa gab es 2012 den Österreichischen Kinder- und Jugendliteraturpreis, King kommt noch erhielt den Kinderbuchpreis 2018 des Landes Nordrhein-Westphalen; beide Titel behandeln den Themenkomplex Krieg und Flucht auf ganz unterschiedliche Weise und aus verschiedenen Perspektiven. Auf Andreas Website findet Ihr noch mehr Kinderbücher, die das interkulturelle Leser*innen-Herz höher schlagen lassen.

In der nächsten Woche erscheint ihr Kinderroman Sterne im Kopf und ein unglaublicher Plan, er handelt von der elfjährigen Lama, über der gerade alles zusammenbricht: Ihre Mutter ist nach Marokko geflogen, um den eigenen Wurzeln nachzuspüren, ihre Freundin ist fortgezogen und dann passiert ihr auch noch etwas sehr Dummes, weshalb nun die ganze Klasse gegen sie ist. Doch dann findet Lama ein Buch, das ihr neue Perspektiven eröffnet… Welches Buch das ist, wird hier nicht verraten, aber vielleicht kommt Ihr darauf, wenn Ihr Andreas Antwort gelesen habt auf die Frage:

Und was liest du so, Andrea Karimé?

Kurz vor meinem sechsten Geburtstag dachte ich: Ich weiß wie Lesen geht. Ich muss nur wissen, wie die Buchstaben heißen, dann ziehe ich sie wie Perlen auf eine Kette und schon sagen die Zeichen eine Botschaft. Über das Wesen, den Klang, den Namen der Buchstaben hatte ich seit einiger Zeit schon jeden Vormittag meine hinter der Zeitung versteckte Mutter befragt. Ich besuchte keinen Kindergarten, und deshalb war es notwendig gewesen die Langeweile zu verjagen. Da war die geheimnisvolle Zeitung, die meine Mutter ganz in den Bann zu ziehen schien. Ich stieß also von der Seite aus Fragen in das Mutter-Zeitungsuniversum. Meine Mutter gab Auskunft, während sie ihren Zeitungskopf von zwischen mir und ihrer Lektüre hin und herdrehte. Die Namen der Buchstaben flogen in meinen Kopf und bauten ein Nest. Unbemerkt erprobte meine Zunge dieses magische Auffädeln später auf der Straße, in der Küche, im Bad, bei der Oma. Kurz überall dort wo Buchstaben auftauchten.

Als ich in die Schule kam, konnte ich also schon lesen und meine Mutter bemerkte, dass die Fibel nicht ausreicht und eine Bibliothek besaßen wir nicht! Im Schrank hinter Glas standen bei den Weingläsern drei Bücher: Das Hausbuch der deutschen Familie, Der große Manager und Ton Steine Scherben. Ich habe immer wieder begonnen darin zu lesen, aber es brachte mir keine Erkenntnis. Ein Büchereiausweis war die Lösung, und der damalige Bücherbus brachte Bücher von Welt vorbei, die ich stapelweise in das Zimmer von mir und meiner Schwester trug. Eins der Bücher war Die kleine Hexe, für immer und ewig ein Lieblingskinderbuch. Wieder und wieder ausgeliehen und gelesen und geliebt. Ich habe mir später, etwa in der dritten Klasse, ein eigenes „Hexeheft“ gemacht, in das ich Hexe und Vogel, Maronimann und Papierblumenmädchen und all die anderen abgezeichnet und jedes Kapitel zusammengefasst habe. Immer noch halte ich dieses Buch für eins der besten der Welt: Ein Klassiker, ein Evergreen, ein Lehrbuch der antiadultistischen Kinderliteratur. Und eine bestechende starke aber kindliche Hexe.

Ich hätte deshalb sicher auch damals schon das Buch Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften von Irmgard Keun geliebt, wenn es für mich zugänglich gemacht worden wäre. Aber Irmgard Keun war und ist noch zu unbekannt. Und das obwohl sie den Nazis die Stirn geboten hat. Nachdem ihre Bücher verboten und mit vielen anderen öffentlich von den Nazis verbrannt wurden, – ihre Mädchen und Frauen entsprachen nicht dem nationalsozialistischen „Ideal der deutschen Frau“ – hat sie sie sich bei der „Reichsschrifttumskammer“ beschwert und Schadensersatz gefordert. Danach musste sie nach Belgien fliehen. Dort hat sie unter anderem Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften geschrieben, und zwar als Episoden, vermutlich tatsächlich für Kinder.

Ich bin begeistert von dem Buch und lege es allen als Familienbuch ans Herz. Weil es so modern ist, das Verhältnis von Erwachsenen und Kindern auslotet und so viel Geschichte transportiert, und das in einer sinnlichen bildreichen klangvollen und leichten Sprache. Es ist der poetische humorvolle sprachstarke Monolog einer unerschrockenen Heldin, deren Namen nicht genannt wird. Sie erzählt von Wünschen Träumen und Erlebnissen. Und dabei passieren ihr Missgeschicke, allerdings nur aus Erwachsenensicht, denn das Buch ist strengstens aus der Kindersicht geschrieben und daraus erklären sich alle Missgeschicke als unlogische Folgerung, denn das was die Heldin tut, so macht sie uns plausibel, muss sie „wirklich“ tun oder sie weiß nicht „wie alles gekommen ist“. Zum Beispiel die „blutige Rache“ an Trautchen Meisers Mutter, die sie immer wieder bei ihren Eltern verklatscht. Für nichts und wieder nichts! Da musste es so kommen, dass das „Trautschen Meiser“ mit Waschblau eingefärbt wird. „Wunderschön blau von Kopf bis Fuß.“ Also bitte lesen.

Und weil ich das Buch so liebe, habe ich es in mein neues Kinderbuch eingebaut. Es heißt Sterne im Kopf und ein unglaublicher Plan und hat folgendes Motto:

„WIR TUN ETWAS SEHR WICHTIGES, DIE ERWACHSENEN WERDEN SICH NOCHMAL WUNDERN!“ und noch ein Zitat zum Abschluss: „ICH KANN AUCH ALLE ERWACHSENEN KAUFEN, DIE MICH ÄRGERN, UND SIE AUF EIN SCHIFF SETZEN UND IN WILDE MEERE STEUERN LASSEN, SODASS SIE NIE MEHR IRGENDWO LANDEN KÖNNEN.“

Irmgard Keun 1940 fast von den Nazis im Exil geschnappt worden, ein falscher Pass rettete sie, und sie reiste damit wieder in Deutschland ein, lebte aber bis zum Ende der Naziherrschaft im Untergrund. Danach hat sie sofort begonnen für das Radio zu schreiben und damit auf die Naziverbrechen zu verweisen. Außerdem schrieb sie viele wichtige Roman. Dafür gebührte ihr ein anderer Platz in der Literatur. Sichtbar und berühmt wie Böll sollte sie ein!


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