Guantanamo Kid

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Die wahre Geschichte des Mohammed El Gharani

Jetzt kommt harter Tobak, ich sag’s am besten gleich. Kein „Haha, was für witzige Illustrationen!“, kein „Ich liebe Comics!“, kein „Ein ganz, ganz wichtiges Thema.“. Jetzt kommt die Lebensgeschichte von Mohammed El Gharani, dem jüngsten Insassen von Guantanamo, der acht Jahre lang dort inhaftiert war und der mit seiner Familie noch heute unter den Auswirkungen dieser Verhaftung zu leiden hat – körperlich, rechtlich, finanziell. Harter Tobak, der sprachlos macht und für uns, die wir die Diskussionen um den Unrechtsort Guantanamo warm und trocken auf dem Sofa mitverfolgten, eigentlich nicht vorstellbar ist.

Der Journalist Jérôme Tubiana traf Mohammed El Gharani zum ersten Mal 2010, kurz nach dessen Entlassung, und es entspann sich ein loser und doch regelmäßiger freundschaftlicher Kontakt, der letztendlich dazu führte, dass Tubiana die Geschichte von Mohammed El Gharani recherchierte, aufschrieb und gemeinsam mit Alexandre Franc ein journalistisches Comic daraus machte.

Und dies ist die Geschichte von Mohammed: Als 13jähriger verlässt er seine Familie und sein Heimatland Saudi-Arabien, um sein Leben als armer Tschader in einem Land, das Nicht-Saudis nur wenige Rechte einräumt, zu verbessern. In Pakistan will Mohammed Englisch und Informatik lernen, um danach zu seiner Familie zurück zu kehren und ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Doch so weit kommt es nicht.

Kurz nach den Attentaten vom 11. September 2001 wird Mohammed in Pakistan festgenommen, für 5000 Dollar an die USA verkauft und nach Guantanamo-Bay ausgeflogen, wo er acht lange Jahre bleiben und erwachsen werden wird. Denn Guantanamo Kid ist nicht nur eine erschütternde Geschichte von Ungerechtigkeit, Folter und Unrecht im Namen der Terrorabwehr, sondern auch die Geschichte einer Adoleszenz unter kathastrophalen Bedingungen: Mohammed wird unter der Aufsicht folternder Wärter erwachsen und wie viele Teenager lehnt sich der sehr intelligente Junge gegen das System auf. Nur eben nicht gegen Eltern oder Lehrer, sondern gegen seine brutalen Wärter.

Das ist auch der Grund, warum Mohammeds Geschichte relativ bekannt ist: Abgesehen davon, dass er dasselbe Unrecht wie viele Insassen erfahren hat, war er zudem noch der jüngste Insasse in Guantanamo-Bay, wo er wie ein Erwachsener behandelt wurde, und er war einer der rebellischsten: Mit der absoluten Gewissheit in sich, unschuldig zu sein, lehnte er sich gegen willkürliche Wärter und drohende FBI Agenten auf, ertrug Folter und stiftete seine Mithäftlinge zu Ungehorsam an, um bessere Haftbedingungen zu erwirken.

Das machte ihn bei Häftlingen und Wärtern bekannt und als die ersten Anwälte Guantanamo betreten durften, wurde sich schnell seiner angenommen, so dass Mohammed El Gharani einer der ersten Freigelassenen war. Doch wer glaubt, dass seine Odyssee damit ein Ende hat, kennt die Weltpolitik schlecht: Da er kein saudischer Staatsbürger ist, durfte Mohammed nicht zu seiner Familie zurückkehren, sondern wurde in den Tschad gebracht – ein Land, das er noch nie zuvor gesehen hatte. Die Graphic Novel endet sehr pragmatisch:

Ich war von zu Hause fortgegangen, um zu lernen, doch man hatte mich daran gehindert. Man hatte mich wie einen Verbrecher behandelt und man hatte mir acht Jahre meines Lebens gestohlen. Ich sagte mir dasselbe wie in Guantanamo: „Ich muss es schaffen, mein Leben dort zu verbessern, wo ich bin.“

Leider wurden Mohammed El Gharani jedoch nicht nur diese acht Jahre gestohlen, die er in Guantanamo verbrachte, das zeigt das Nachwort von Jérôme Tubiana aus dem Dezember 2017: Wie ein Stehaufmännchen versucht Mohammed alles, um sprichwörtlich und tatsächlich wieder auf die Beine zu kommen: Er reist nach Ghana aus, um sich operieren zu lassen (von der jahrelangen Folter ist sein Körper zerstört), er heiratet, er eröffnet einen Waschsalon, er heiratet erneut, er eröffnet einen Obsthandel – doch Guantanamo holt ihn immer wieder ein. Sobald ein wenig Ruhe einkehrt, kommen irgendwelche Geheimdienste, dubiose Männer oder die Polizei und ziehen ihn zurück in den Abgrund. Er ist auf ewig ein Ex-Guantanamo-Häftling.

Dieses Buch hat mich sehr bewegt und beschäftigt mich nachhaltig. Es zeigt, welche Auswirkungen Weltpolitik auf einen Einzelnen haben kann – im schlechtesten Sinne. Mohammed El Gharani ist ein Spielball irgendwelcher Abkommen zwischen den USA und anderen Ländern im Namen der Terrorabwehr – ohne die Chance auf Reputation, medizinische Versorgung oder ein normales Leben. Und damit ist er kein Einzelfall.

Das ist für uns, die wir auf unseren warmen, weichen Sofas sitzend kaum noch über Guantanamo nachdenken, schwer vorstellbar (Zur Info: 2009 wollte Barack Obama das Gefangenlager schließen. Mittlerweile haben wir das Jahr 2019 und es existiert noch immer.). Wie gut, dass dieses Wissen durch eine durchdachte, unaufgeregte und manchmal auch ironische Graphic Novel wieder in unsere Köpfe gebracht wird.

Jérôme Tubiana, Alexandre Franc: Guantanamo Kid. Carlsen 2019, ab 14 Jahren, 20,00 €.

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