Bücher gegen Vorurteile: Als Herr Babel (k)einen Turm baute

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Sven Nordqvist ohne Petterson und Findus, dafür mit Menschen aus aller Welt

Der kleinen Prinzessin ist langweilig und wenn ihr Vater, der König, eines nicht ertragen kann, dann ist es, wenn seine kleine Prinzessin sich langweilt (kann man verstehen). Also ruft der König erst die Musiker, dann die Tänzerinnen und dann den Dichter, außerdem kommt noch der Koch herbeigelaufen um ein leckeres Essen zu servieren. Doch das alles reicht der Prinzessin nicht: alles schon mal gehört, gesehen und geschmeckt. Laaaaangweilig!

Als sie schließlich den Wunsch äußert, fliegen zu können um einmal andere Dinge zu sehen und zu hören, beauftragt ihr Vater den Baumeister Herrn Babel, einen riesigen Turm zu bauen, damit die Prinzessin von diesem die Welt überblicken kann. Herr Babel macht sich sogleich ans Werk, doch für so einen hohen Turm hat das Land nicht genügend Ressourcen. Es kommt, wie es kommen muss: Erst kommt das Baumaterial aus anderen Ländern, dann auch die Menschen.

Doch der Bau gerät sehr bald ins Stocken, denn zum einen reden alle sehr häufig aneinander vorbei und zum anderen haben die verschiedenen Arbeitsgruppen alle an unterschiedlichen Tagen ihren freien Tag – die Steinmetze am Donnerstag, die Wasserträger am Samstag, die Gerüstbauer am Freitag. Dadurch kann niemand so richtig effektiv arbeiten.

Irgendwann wirft der Baumeister entnervt das Handtuch und zieht mit der nächsten Karawane von dannen. Der Bau gerät ins Stocken und wird dann ganz eingestellt. Doch als der König jammert, dass das alles wohl doch keine so gute Idee war, stellt sich heraus, dass die kleine Prinzessin sich seit Baubeginn gar nicht mehr gelangweilt hat, hat sie sich doch mit all den fremden Menschen so gut unterhalten! Und auch Musiker, Tänzerinnen, Dichter und Koch können nur schwärmen, haben sie doch soviel Inspiration aus der ganzen Welt erhalten – Ende gut, alles gut!

(Während ich gerade versuche, so neutral wie möglich die Geschichte wiederzugeben, merke ich, wie sehr mich diese doch nervt. Eigentlich hatte ich gedacht, ich hätte nur ein, zwei Dinge zu kritisieren.)

Fangen wir vielleicht mal damit an, was mir gut gefällt: Das sind zum einen die Illustrationen von Sven Nordqvist, der sehr liebevoll die Menschen aus aller Welt porträtiert und illustriert und es sogar geschafft hat, einen kleinen Findus einzubauen, ohne, dass es peinlich ist. Zum anderen finde ich die Idee gut, zu zeigen, wieviel Bereicherung es für eine Kultur bedeutet, wenn andere Kulturen ihre fünf Cent dazu geben. Natürlich sind Gespräche, Lieder und Geschichten interessanter, wenn diejenigen, die sie erzählen, über einen anderen Tellerrand geblickt haben als man selbst. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Und für die Synapsen von Kindern, die aus solchen Begegnungen entstehen, soll das auch ziemlich gut sein, wurde mir gesagt. 😉

Doch jetzt muss ich schon zu den Dingen kommen, die mir nicht gefallen. Als erstes wäre da natürlich die unbändige Langeweile der Prinzessin. Abgesehen davon, dass Kinder sich auch mal langweilen müssen ohne sofort bespaßt, betanzt oder bekocht zu werden, finde ich das als Ausgangslage nicht gut. Denn dann muss ich ja davon ausgehen, dass die kleine Prinzessin auch bald schon gegrillte Heuschrecken über hat – werden dann wieder neue Leute ins Land geholt?

Und damit wären wir auch schon bei Punkt zwei, dem Ins-Land-Holen. Irgendwie erinnert mich das sehr an die Gastarbeiter und das wiederum hat wenig mit Freiwilligkeit zu tun. Und dann schwirrt mir natürlich der ganze Rattenschwanz im Kopf herum, der da dran hängt (hier ein sehr guter Artikel dazu bei Spiegel Online).

Drittens – und das ist tatsächlich der Grund, der mich am meisten ärgert – finde ich es wirklich schade, dass dieser Turm nicht fertig wird, weil alle aneinander vorbei reden und an unterschiedlichen Tagen ihren Feiertag haben. Für mich klingt das ein bisschen so wie: „Okay, sie können nicht so richtig arbeiten, sie machen runde Fenster statt eckige und donnerstags wollen sie frei haben, unser Riesenprojekt müssen wir also beerdigen, ABER zum Glück haben sie gute Musik und Hühnchen in Orangensoße mitgebracht, lecker!“ Kulturelle Bereicherung und so. Diese Botschaft finde ich irgendwie schwierig. Was soll mir das sagen? Große Projekte werden wir mit Ausländern nicht stemmen, aber immerhin kennen wir jetzt Nasi Goreng? Und thank god, endlich ist der Prinzessin nicht mehr langweilig?

Ich hätte es schöner gefunden, wenn der Turm entweder gemeinsam fertig gebaut worden wäre und dann vielleicht ganz anders ausgesehen hätte als vom Baumeister geplant – anders, aber gut. Oder wenn man sich gemeinsam dazu entschieden hätte, dass dieser Bau eigentlich gar keinen Sinn ergibt: Was soll das denn, ein Turm, nur damit Madame ans andere Ende der Welt blicken kann!? Und was weiß ich, was man dann gemacht hätte, auf alle Fälle wäre es eine gemeinsame Entscheidung gewesen. Keine, wo der Bauherr beleidigt das Land verlässt, weil mit diesen Gastarbeitern nichts funktioniert, und dadurch alles zum Stillstand kommt.

Der dänische Kinderbuchautor Sally Altschuler war lange Zeit als Lehrer tätig und engagiert sich für Literatur- und Leseförderungsprojekte in seinem Heimatland und auch in Vietnam und Nepal. Er und Sven Nordqvist hatten vermutlich allerbeste Absichten. Bei mir bleiben leider einige Fragen offen.

Sally Altschuler, Sven Nordqvist: Als Herr Babel (k)einen Turm baute (Übersetzung: Helene Hillebrandt). Ellermann 2018, ab 4 Jahren, 15,00 €.

 

 

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