Hochsommerliche Tristesse auf dem ostdeutschen Land

Als im letzten Jahr Clausnitz und andere ostdeutsche Dörfer in Verruf gerieten, weil ihre Bewohner wie wild auf Busse und Unterkünfte mit Flüchtlingen eindroschen, las ich viele (Blog-) Artikel von Menschen meines Alters, die in solchen Dörfern groß geworden sind und nun aus der Perspektive des (Groß-) Städters auf diese Zeit zurückblickten. Alle waren sich größtenteils in einem einig: Dass es so weit kommen würde, wenn Fremde in diese geschlossenen Systeme eindringen, verwunderte keinen der Autoren.

Ich las diese Artikel mit leichtem Grusel und ich las viele davon, weil ich irgendwie hoffte, dass es sich nur um Ausnahmen handelte. Doch letztendlich waren es dafür zu viele solcher Artikel, die im Kern immer dasselbe beschrieben.

Mir persönlich ist dieses Dorfleben tatsächlich fremd. Aufgewachsen in einer 80.000-Einwohner-Stadt, wo man in der Innenstadt glaubte, jeden seines Alters zu kennen und nun in einer 210.000 Einwohner umfassenden Landeshauptstadt, die allerdings durch Ost- und Westufer getrennt ist und dadurch auch zwei kleinere Mikrokosmen entstehen lässt, hatte auch ich immer das Gefühl, unter Beobachtung zu stehen.

Dass dieses Gefühl aber nichts gegen das Beobachtetwerden in Dörfern ist, macht Alina Herbing – selbst in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen – in ihrem Debütroman mit dem großartigen Titel Niemand ist bei den Kälbern sehr drastisch deutlich.

Alina Herbing zeichnet ein sehr trostloses und vor allem – und das ist in Hinblick auf Ausländerfeindlichkeit besonders interessant – patriarchialisches Bild von Schattin, einer Gemeinde im Nordwesten Mecklenburgs. Die Frauen träumen von einem Leben in Hamburg oder wenigstens Lübeck, geben ihr Geld für Kosmetika und Kleider, für die es keine Gelegenheiten geben wird, aus und ordnen sich dem gerade den Ton angebenden Mann (Freund, Vater, Schwiegervater) in ihrem Leben unter. Wie selbstverständlich werden da Handys kontrolliert und Ohrfeigen verteilt.

Die Männer wiederum ordnen sich dem Dorfleben unter, übernehmen den Hof oder die Tankstelle und betrinken sich auf dem Zeltfest. Die besten gehen zur Polizei, die schlechteren werden kriminell oder fahren direkt gegen einen Baum. Der Schriftzug „Germania“ in altdeutscher Schrift auf dem Auto ist da genauso normal wie das kleine tätowierte Hakenkreuz auf der linken Brust. Man mag sich gar nicht vorstellen, wenn ein Bus voll Geflüchteter diese Szenerie betreten würde, wenn bereits der Windkraftanlagenmechaniker aus Hamburg zum erklärten Feind wird.

Doch so weit geht Alina Herbing gar nicht. Ihr reicht die schnörkellose Darstellung dieser Tristesse, aus der es scheinbar keinen Ausweg gibt – denn wenn das Dorf und seine Systeme in einer jungen Frau so fest verankert sind, ist es nur logisch, dass sie in einem Großstädter den großen Erlöser sieht, obwohl dieser nach dem Geschlechtsverkehr eine Zigarette auf ihr ausdrückt.

Niemand ist bei den Kälbern ist furchtbar und furchtbar gut. Alina Herbing liefert keine Lösung für Probleme wie Landflucht und Neonazismus. Ich habe auch keine. Doch zumindest können wir alle nicht behaupten, wir hätten es nicht gewusst.

Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern. Arche Verlag 2017, 20,00 €.

Advertisements