Die Hölle sind immer die anderen

Artikel in Literaturblogs über die Werke von T.C. Boyle beginnen meistens mit „Ich liebe die Romane von T.C. Boyle!“ oder „Auf den neuen Roman von T.C. Boyle hatte ich schon so lange gewartet!“. Ich weiß also nicht genau, was passiert, wenn ich nun gestehe, dass ich zuvor noch nie etwas von T.C. Boyle gelesen hatte.

Mein Artikel über T.C. Boyles Die Terranauten beginnt folgendermaßen: Ich liebe Romane, Geschichten und Filme, in denen sich Gruppen von innen heraus zerstören. Dabei ist es mir relativ egal, ob sich diese Gruppen – aus einem meist elitären Denken heraus – freiwillig gebildet haben wie zum Beispiel in Die geheime Geschichte von Donna Tartt, Das Experiment oder The Beach von Alex Garland oder Menschen unfreiwillig zusammen kamen und nun notgedrungen als Gruppe funktionieren müssen wie zum Beispiel in Herr der Fliegen, Die Tribute von Panem oder Lost.

Na gut, ich gebe ich zu: Ersteres gefällt mir tatsächlich noch einen kleinen Tick besser. Wer seine drei bis zwölf Semester Psychologie studiert hat, darf mir gern erzählen, was Freud dazu sagen würde.

In Die Terranauten haben wir jedenfalls so einen elitären Zusammenschluss junger Menschen, die sich dafür beworben haben, in ein riesiges Terrarium gesperrt zu werden, um dort zwei Jahre lang abgeschirmt von Kriegen, Umweltverschmutzung und Epidemien zu leben. Es ist der Versuch, eine neue Welt zu erschaffen. Wenn die Menschheit ihren eigenen Planeten zerstört hat, muss man einen Plan B haben…

Vier Frauen und vier Männer haben es nach zwei Jahren Vorbereitung geschafft – sie sind die Auserwählten, die das Experiment durchführen und in dieses künstlich geschaffene, geschlossene Ökosystem einziehen dürfen. Und Ihr glaubt gar nicht, wie ich frohlocke, während ich „die Auserwählten“ in den Computer tippe! 🙂

Denn im Gegensatz zu den oben genannten Romanen und Filmen ist hier von vornherein klar, dass es zwischen den Auserwählten unter der Glaskuppel von „Ecosphere 2“ („Ecosphere 1“ war übrigens kläglich gescheitert, deshalb muss diese zweite Mission nun unbedingt funktionieren) so richtig schön knallen wird, denn Sex, Eitelkeit und Missgunst haben ihre Beziehung zueinander bereits vor dem Einzug in die schöne neue Welt bestimmt. Wie soll es da erst unter der Glaskuppel werden, beobachtet von Touristen und Fernsehteams und gesteuert von einem sektenähnlichen Organisations- und Geldgeberteam?

Ich. Liebe. Es. Und möchte jetzt noch viel mehr von T.C. Boyle lesen und hören.

Erzählt und gelesen wird die Geschichte um diese acht Auserwählten aus der Sicht zweier Freundinnen (eine drinnen, eine draußen) und eines Mannes (natürlich drinnen). Das machen August Diehl, Ulrike C. Tscharre und Eli Wasserscheid so gut, dass ich fast froh bin, momentan Erwachsenenliteratur eher durch Hörbücher zu konsumieren (der Roman ist übrigens bei Hanser erschienen).

Der Mensch bleibt, was er ist – ich freue mich riesig darauf, „Ecosphere 2“ zusammenbrechen zu sehen und kann nur sagen: Hoffentlich wird das Ganze auch verfilmt!

T.C. Boyle: Die Terranauten (Übersetzung von Dirk van Gunsteren). Gekürzte Lesung von August Diehl, Ulrike C. Tscharre, Eli Wasserscheid (2 mp3-CDs, 16h 46 min). der Hörverlag 2017, 26,00 €.

ISBN/EAN: 978-3-8445-2384-3
Sprache: Deutsch
Umfang: Hörbuch MP3-CD, 16h 46min
Erschienen am 09.01.2017

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