Autoren, Illustratoren und Sprecher stellen ihr Lieblingskinderbuch vor

Normalerweise hat diese Rubrik ja eine stringente äußere Form. Ich erzähle ein bisschen etwas über den Autor beziehungsweise Künstler und dann kommt der jeweilige Buchtipp. Bei Simon Höfer ist das irgendwie nicht möglich, das mit einer stringenten äußeren Form. Deshalb nur soviel von mir: Simon hat das wunderbare Bilderbuch Jackson Norby illustriert, eines der ersten Bücher, die ich hier vorgestellt habe. Und dann muss ich noch erwähnen, dass es im Vorfeld ein kleines Kommunikationsproblem zwischen Simon und mir gab, er dachte, er solle sein Lieblingsbuch vorstellen, nicht sein Lieblingskinderbuch. Es ist wichtig, dass Ihr das wisst, ansonsten – so Simons Befürchtung – käme Euch der folgende Text vielleicht etwas verschroben vor. Ich habe wirklich keine Ahnung, was er damit meint, finde aber, dass dieser Text unbedingt hierher gehört, also: Viel Spaß mit Simon Höfers Lieblingsbuch!

„Eine ganze Weile tat ich mich schwer mit der Frage, welches der vielen Bücher, die ich wirklich liebe, nun DAS Lieblingsbuch sein sollte. Brachte das eine mir im Kontext widriger Lebensumstände wahrhaftige Erlösung in Form von Geborgenheit spendender Unterhaltung, gab es Titel en Masse, die meine Sicht auf die Welt, mein Denken, mein Verständnis und so letztlich mich als Menschen auf tiefster, profundester Ebene lehrten und formten. 
 
Mir war schnell klar, dass sich ein einzelner Titel immer unvollständig für mich anfühlen würde und nachdem ich realisierte, dass die Idee des Lieblingsbuches für mich nicht auf ein Einziges, sondern bestenfalls auf eine überschaubare Auswahl anwendbar war, änderte ich meine Betrachtungsweise auf die Fragestellung und kam doch noch zu einer überraschenden Einsicht: Mein Lieblingsbuch ist mein aktuelles Skizzenbuch.
 
Das klang auch für mich erstmal abgedroschen, weil ich dachte: Oho, Künstler Künstler, Skizzenbuch! Je mehr ich aber darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, wie naheliegend und logisch und wahr diese Antwort doch ist: Solange ich denken kann, male und zeichne ich. Es findet in meinem Leben buchstäblich mit der gleichen Selbstverständlichkeit statt wie Atmen und Essen. Mittlerweile ist es auch auf beruflicher Ebene betrachtet die Tätigkeit, die mich ernährt und es ist nicht nur der solideste Fixpunkt, der mein bisher gesamtes Leben überdauert wie ein Fels in der Brandenburgischen Kleinstadt Flütsen (die es gar nicht gibt), sondern sogar eine ganz eigene Auffassung, die Welt zu betrachten.
 
Für mich ist mein aktuelles Skizzenbuch das wohl mit Abstand spannendste, komplexeste, ehrlichste, weiseste, unterhaltsamste und tiefsinnigste Buch, das überhaupt vorstellbar ist. Ich bin zugleich der Schaffer und der Betrachter, es wandelt sich stetig, ist interaktiv und ich weiß niemals, was auf der nächsten Seite geschehen wird. Es folgt keinen vorgegebenen Schemata wie aristotelscher Dramaturgie oder sonst irgendeiner Handlung. Es ist die freie Verkettung aus dem Leben geschaffener Impulse, die als chronologisch aufgereihte Impressionen dann doch eine Art kontextuelle, assoziative Narration ergeben, die echtere und unmittelbarere Geschichte ergibt, wie jeder Dichter sie hätte erdenken können.
 
An liebevoll detaillierte Zeichnungen von irländischen Forstwäldern reiht sich die hastig aus dem Affekt niedergeschriebene Zugverbindung nach Garmisch Partenkirchen, während von der nächsten Seite eine Ecke fehlt, weil ich irgendwem irgendeine Notitz mitgeben wollte, die er sowieso am selben Tag noch verloren hat.
Es ist das Manifest meiner Gedanken, meiner Befindlichkeiten, meines Selbst und meines gesamten Lebens. Es ist der Spiegel meiner Seele und gleichsam unterhaltsame Zerstreuung sowie reflektive Therapie von tiefster Tiefe.

Das wahrlich Wunderbare an der Sache ist aber, dass man es tatsächlich auch mit dem entfremdeten Blick eines Aussenstehenden lesen kann! Ich weiß nicht, wie sehr ich diesen Zustand vermitteln kann, doch tatsächlich entfalten sich faszinierende Tiefen von ungeahnter Wucht, wenn man durch die eigenen Skizzenbücher blättert. Es ist tatsächlich wie lesen, nur so viel komplexer und vielfältiger. Ganze Universen an Einsichten, Erkenntnissen, Erinnerungen und Erleuchtungen können losgetreten werden. Momente, Geschichten, Gefühle. Manches ist schillernd und beeindruckend. Manches ist auch beklemmend und beängstigend und die Informationen, die man aus seinen eigenen Zeichnungen herauslesen kann, sind feinzissilierter und filligraner als jede Hesse-Dichtung. 

Deswegen: Wenn ich wirklich nur ein einziges Buch wählen sollte, welches unter allen Büchern dieser Welt mein Lieblingsbuch ist, dann wäre es Harry Potter und der Stein der Weisen auf Serbisch. Und damit meine ich natürlich, wie obig ewig ausbaldovert, mein Skizzenbuch. Ich wollte nur zum Ende nochmal mit einer pffifigen Pointe auftrumpfen. Hihihaha. Und Hoho. Und jetzt tschüß hier, dieser ganze assoziative Klamauk nimmt doch schon wieder überhand und gleich schreibe ich fadenscheinige Pseudo-Essays über die Bedeutung von Kautschuk, nur weil mich das Wort ‚Klamauk‘ daran erinnert hat. Ende jetzt.“

Ich hatte Simon auch gebeten, etwas über sich zu schreiben. Voila:

„Aus der Ich-Perspektive geschriebene Beschreibung in der dritten Person:

Der Simon ist eine dritte Person, sage Ich. Mit diesem sinnlosen Satz erkannte Ich, dass Simons ambitionierter Versuch, die Ich-Perspektive mit der der dritten Person zu vereinigen, recht prompt an den Regeln der Logik gescheitert ist, deswegen machen wir es ganz normal. Aus der Perspektive meiner Oma (Simons Oma):

Mein Enkel Simon ist ein waschechter Springinsfeld. Er ist immer ganz hibbelig und macht mich ganz narrisch mit seinem Gespringe. Er ist auch furchtbar unordentlich, auch wenn das überhaupt nicht stimmt und ich das nur sage, weil ich eine ordnungssüchtige Oma mit völlig weltfremden Maßstäben bin, deren sterile Musterhaus-Szenarien man jederzeit für Einrichtungskataloge abfotografieren könnte. Aber für die emotionskalten, spießigen. Beim Ikea-Katalog liegt ja mittlerweile auch ab und an mal irgendein Plörres in der Gegend rum, um alles organischer und volksnah zu machen, so wie McDonalds mit seinen schiefen Burgern. Aber sowas würde meine Oma gar nicht sagen. 
 
Jetzt folgen noch Informationen aus der Perspektive von Simon Höfer, der so tut, als wäre er ein Sportjournalist mit Hang zu ausufernden Aufzählungen:
Simon lebt als freischaffender Illustrator, Autor, Künstler, Keramiker, Kerbholzschnitzer, Kerosinschnüffler und Korfu-K in Tirol und an ganz vielen anderen Orten, weil er nicht gut in Sesshaftigkeit ist. ‚Korfu-K‘ ist hierbei sein Pseudonym als katalonischer Rapmusiker, weswegen es traditionell betont wird wie mit zwei ‚ä‘.
 
Zum Zeitpunkt dieses Interviews war hauptsächlicher Fokus seiner Tätigkeiten das Bouldern, Slacklinen und Trampolinspringen, Turmfalken züchten, Zürich zeichnen und Zaster verzundern, was ein althochdeutscher Begriff für das Hobeln von Geld aus dunklem Zirbenholz ist.

Wer mag, kann sich ein bisschen was von seinem Gewerkel hier anschauen: http://www.RootsenSneeky.com .“

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