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Die verflixte Erfindung

Über die Tücken von kleinen digitalen Helferlein

Ich weiß nicht, wie es Euch geht bezüglich der Digitalisierung im Allgemeinen und Künstlicher Intelligenz im Speziellen, vielleicht wie mir: Gemäß meiner Generation mache ich bei sehr vielen Sachen freudig mit, auf der anderen Seite habe ich ein generelles Misstrauen gegenüber den Konzernen, die uns diese Technologien bescheren, sowie ein diffuses Gefühl, wo uns das alles noch hinführen wird – insbesondere, weil vieles aus einer meiner Lieblingsserien Black Mirror, die einem ja immer einen wohligen Technoloiegrusel beschert, bereits von der Realität eingeholt wurde.

Damit liege ich alters- und mentalitätsgemäß zwischen der Generation unserer Eltern, die noch mit Schreibmaschinen und einem einzigen Fernsehsender aufwuchsen und unseren Kindern, denen lineares Fernsehen, bei dem man nicht auf Pause drücken kann, gar nichts mehr sagt, die bei „Alle Cookies akzeptieren?“ beherzt auf „Ja!“ klicken, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken und sich über für sie auf TikTok genau zugeschnittene Werbung einfach nur freuen, weil es so praktisch ist. Ich merke, wie auch ich bezüglich Cookies und Co immer nachlässiger werde und mich auf die praktischen digitalen Helferlein verlasse. Eine App hat mir geholfen, mit dem Laufen anzufangen, meine Uhr ist treue Begleiterin bei Joggingrunden und motiviert mich mit aufmunternden Sprüchen, wenn ich das möchte. Mein Telefon erinnert mich an Wassertrinken und regelmäßiges Aufstehen und seit dem zweiten Lockdown fährt ein Saugroboter durch unsere Wohnung.

Doch die digitalen Helferlein und Algorithmen wissen zum Glück noch nicht alles über mich, was mich jedesmal mit diebischer Freude erfüllt – wegen des generellen Misstrauens. Jeden Tag um Punkt 14:00 Uhr sagt mir meine Smartwatch zum Beispiel, dass ich Stress hätte und Atemübungen machen sollte – sogar, wenn ich sie gar nicht trage! Und auch die auf mich zugeschnittene Werbung auf Instagram hat mich interessanterweise noch nicht in Gänze durchleuchtet, regelmäßig erhalte ich Werbung für Hundebesitzer*innen.

Wer schon einmal kein Misstrauen gegenüber Technologiekonzernen haben muss, sind die Brüder Rüdiger und Walter aus dem Bilderbuch Die verflixte Erfindung. Die beiden leben gemeinsam in einem kleinen Haus, Walter kocht und backt gern und Rüdiger werkelt in der Werkstatt und erfindet Apparate. Alles ist friedlich, bald ist Weihnachten. Doch dann ruft Walter den fatalen Satz „Du solltest ein Dingsda erfinden, das bei der Hausarbeit hilft!“ und bald ist es vorbei mit Ruhe und Gemütlichkeit.

Martin Widmark, Emilia Dziubak, Bilderbuch, Erfindung, Technologie, Roboter, vorlesen, ab 5
Die verflixte Erfindung, ars edition 2020

Rüdiger legt sofort los und erfindet ein kleines rotes Dingsda, das seine Energie mittels Solarzellen erzeugt. Bereits in der ersten Nacht überrascht das Dingsda dadurch, dass es sprechen kann und Rüdigers Werkstatt neu sortiert, es sorgt für Mahlzeiten, schippt Schnee, putzt Fenster, kratzt den Rücken, löst Kreuzworträtsel und wird mit jedem Tag schlauer – und anstrengender für das Brüderpaar:

„Keine Würstchen. Keine Fleischklöße. Kein Steak. Bald ist Weihnachten und dann sowas! Das schmeckt ja überhaupt nicht.“ Rüdiger reckt sich nach dem Salzstreuer, aber da fasst ihn das Dingsda ans Handgelenk. Eine Weile bleiben sie sie so. Rüdiger starrt das Dingsda ärgerlich an.

„Hoher Blutdruck. 26 Kilo Übergewicht“, stellt das Dingda fest. Rüdiger reißt sich los und rennt hinaus in seine Werkstatt.

Die verflixte Erfindung, ars edition 2020

Rüdiger und Walter beginnen, nur noch im Flüsterton miteinander zu sprechen, aus Angst, dass die Erfindung sie hören könnte. Und das Gemeine ist: Das Dingsda hat eigentlich mit allem Recht, was es so von sich gibt. Natürlich wird an Weihnachten zuviel gegessen und zuviel gekauft. Aber sollte man es deswegen gleich ausfallen lassen? Natürlich denken die Menschen zu wenig nach bevor sie handeln. Aber sollten sie das Denken deshalb direkt einer KI überlassen?

Zu Goethes Zeiten dachten die Leser*innen, der verflixte Besen im Zauberlehrling sei rein der Fantasie des Autors entsprungen und unvorstellbar, heute wissen wir, dass selbstdenkende Wesen, die doch vermeintlich nur Gegenstände sind, längst Realität sind. Wir werden das nicht mehr aufhalten können, doch wir können dafür sorgen, dass wir weiterhin auf das eigene Denken und vor allem auf die eigenen Gefühle vertrauen – Stress um 14 Uhr? Mitnichten. Und das lasse ich mir auch von keiner Künstlichen Intelligenz einreden!

Hier entlang geht’s zum Blick ins Buch.

Martin Widmark, Emilia Dziubak: Die verflixte Erfindung (Übersetzung: Ole Könnecke). ars edition 2020, ab 5 Jahren, 15,00 €.


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