Wenn man Mitte 30 ist und von einem Buch seiner Kindheit verfolgt wird

Wenn ich Bücher vorstelle, verweise ich – und übrigens auch die Menschen, die ich für Und was liest du so? befrage – gerne darauf, dass dieses oder jenes Buch für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde oder diesen gar erhalten hat. Der Deutsche Jugendliteraturpreis ist das Qualitätssiegel für deutschsprachige Kinder- und Jugendbücher.

Oder?

Wenn ich so frage, denkt Ihr Euch bereits die Antwort, oder? 😉 Während einer Recherche stöberte ich neulich im Archiv des Deutschen Jugendliteraturpreises und stieß dort auf Deesje macht das schon, 1988 Preisträger in der Kategorie Kinderbuch aus dem Hause Beltz & Gelberg. Und mir lief sofort ein leichter Schauer über den Rücken.

Es muss also 1988 oder 1989 gewesen sein, als meine Oma mir Deesje macht das schon schenkte. Meine Oma – ein großer Fan von Rosamunde Pilcher – hatte sich für ihre viellesende Enkelin („Ach, schenk Julia einfach ein schönes Buch!“) extra in der Buchhandlung beraten lassen. Vermutlich waren Auszeichnung und Verlag ausschlaggebend für ihre Wahl, doch so richtig kann ich das heute natürlich nicht mehr herleiten.

Und Deesje blieb für immer in meinem Kopf, meinem Unterbewusstsein und meinen Träumen. Meinen Albträumen.

Deesje macht das schon erzählt, wie der Titel schon sagt, von dem schüchternen Mädchen Deesje (Großes Identifikationsmerkmal!), das allein mit dem Zug in eine Großstadt fährt, um dort ihre Halbtante zu besuchen. Ich glaube, bereits die Zugfahrt hatte mir damals Angst eingejagt, umso überraschender kommt Deesje heil in der Stadt an. Doch dann geht sie auf dem Bahnhof verloren. Wird mit einem Mädchen namens Geesje verwechselt. Geht wieder verloren. Wird wieder eingefangen und wieder verwechselt. Für mich damals das Schlimmste: Gegen Ende der Geschichte landet Deesje in einem Fernsehstudio, wo sie für einen Aufsatz ausgezeichnet werden soll, den Geesje geschrieben hat. Als sich endlich alles auflöst, stellt Geesje sie als vermeintliche Hochstaplerin zur Rede.

Hier ein Auszug aus der Begründung der DJLP-Jury:

„Diese Odyssee eines kleinen Mädchens durch die Großstadtwelt ist ebenso spritzig und turbulent wie labyrintisch und beklemmend. […] Daß diese Geschichte nicht nur erschreckend ist, sondern als ein Leseabenteuer vergnüglich und spielerisch genossen werden kann, liegt an der Erzählkunst der Autorin. Ihr Einfallsreichtum ist unerschöpflich, die raschen Szenenwechsel sorgen für Entlastungen, sichern das gute Ende von Anfang an zu.“

Hahahahahahahaha!

Ich lag auf dem Boden, als ich das las. „Odyssee“, „labyrinthisch“ und „beklemmend“ treffen das alles ziemlich gut – auf „vergnüglich“, „spritzig“ und vor allem die „Entlastungen“ warte ich heute noch.

Ich möchte ja nicht zu viel von meinem Innenleben preisgeben, aber: Genau so laufen meine Albträume ab. Ich gehe verloren, niemand glaubt mir, was ich sage und ich muss dringend irgendwohin, doch man lässt mich nicht. Und am Ende werde ich auch gerne nochmal als Hochstaplerin entlarvt.

Nun weiß ich mal wieder nicht, wer zuerst da war, die Henne oder das Ei. Hat Deesje macht das schon mir erst meine regelmäßigen Albtraum-Abläufe beschert oder hat das Buch einfach meine bereits vorhandenen Neurosen getriggert? Ich werde es wohl nie herausfinden.

Was ich aber mitnehme: Auszeichnungen aber zum Beispiel auch wunderbar ästhetisch-künstlerische Illustrationen sind kein Garant dafür, dass ein Kinderbuch auch bei Kindern gut ankommt. Und ich hoffe wirklich sehr, dass hier niemand dank meiner Tipps lebenslange Albträume bekommt! 😉

Leider (verlegenes Räupern) vergriffen:

Joke van Leeuwen: Deesje macht das schon (Übersetzung: Miriam Pressler). Beltz&Gelberg 1987, ab acht Jahren (?).

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