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Monsteroma

Familie wie aus dem Bilderbuch

Vielleicht spreche ich jetzt für viele, vielleicht führt Ihr aber auch alle ein Leben wie im Bilderbuch: Insgeheim wünschen wir uns doch, ein Teil dieser Familie in der Rama-Werbung zu sein; dass wir uns und den Kindern einfach ein frisch mit Margarine beschmiertes Brötchen in den Mund schieben und damit die Welt in Ordnung ist. Und nachmittags kommen noch Oma und Opa vorbei und alle sitzen an der Jacobs Krönung-Kaffeetafel. Niemand ist geschieden, alle sprechen miteinander, drei Generationen verbringen eine fröhliche Zeit und kommen gut miteinander aus – Familienleben wie aus dem Bilderbuch.

Man muss sich nur ein bisschen im Bekanntenkreis umhören oder sich ein paar Statistiken zu Gemüte führen und weiß sofort, dass es vierlerorts anders aussieht: Es gibt geschiedene Großeltern, vielleicht bereits mit neuen Partner:innen liiert. Es gibt Patchwork-Familien, in denen es Knatsch gibt. Es gibt viele, viele (laut dem Statistischen Bundesamt rund 2,09 Millionen Mütter und etwa 435.000 Väter) Alleinerziehende. Und dann gibt es auch noch die Herkunftsfamilien von uns Eltern, mit denen es leider auch nicht immer ganz rund läuft. Dies alles findet bislang noch wenig Raum in Bilderbüchern, in denen Familienleben doch sehr häufig dem der Rama-Werbung ähnelt.

Lena Steffinger, Psychologin und Illustratorin, hat sich nun in einem sehr zarten Bilderbuch einem Familienthema gewidmet, das es bisher noch gar nicht in Bilderbücher (in denen Großeltern stets liebevoll und zugewandt sind) geschafft hatte: In Monsteroma beschäftigt sie sich mit einem schwierigen Mutter-Sohn-Verhältnis und dessen Auswirkungen auf die Enkelin.

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Monsteroma, Kunstanstifter 2022

Die alles entscheidende Frage in Monsteroma ist: Sind Monstermütter auch automatisch Monsteromas? Das will die kleine Protagonistin herausfinden. Am Ende des Sommers wird Papa immer ganz nervös und zerstreut, denn im September hat seine Mutter Geburtstag und natürlich gehört es sich so – seit Jahrzehnten wird es uns medial und gesellschaftlich eingetrichtert -, dass man sich an seinen Ehrentagen besucht, auch, wenn man sich nichts oder nichts Nettes zu sagen hat.

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Monsteroma, Kunstanstifter 2022

Nachdem Papa der Begriff „Monsteroma“ herausgerutscht ist, ist das kleine Mädchen völlig fasziniert davon, was das wohl bedeutet. Und für sie steht fest: Ich geh mit zu diesem Geburtstag.

Lena Steffinger, Bilderbuch, Familie, vorlesen, schwierige Familienverhältnisse, Großeltern, Streit
Monsteroma, Kunstanstifter 2022

Papa ziert sich noch ordentlich, von Mama ist keine richtige Hilfe zu erwarten (sie zieht sich mit Kopfschmerzen aus der Situation raus), aber letztendlich sitzen Vater und Tochter am Kaffeetisch der Großmutter, die natürlich nicht den Monster-Vorstellungen ihrer Enkeltochter entspricht, aber eine sehr reservierte Frau ist, die wenig lächelt, Hunde nicht ins Haus lässt und eine abfällige Bemerkung über den selbstgebackenen Kuchen ihres Sohnes macht.

Wie im wahren Leben gibt es hier kein „richtiges“ Happy End. Es ist klar, dass man sich erst in einem Jahr wiedersehen wird und Papa muss auf dem Rückweg noch ein wenig vor sich hinschimpfen. Doch am Ende gibt es zwei sehr tröstliche Momente: Zum Einen kann Papa, der so gerne laut singt, erzählen, dass er das von Oma gelernt hat. Und am Schluss liegt die kleine Kernfamilie unter einem Baum und isst den restlichen Kuchen, der von Mama hochgelobt wird, auf.

Familie ist also das, was wir draus machen – nicht das, was uns Gesellschaft, Herkunftsfamilie und Medien suggerieren möchten. Wir haben es selbst in der Hand, wie es läuft und wenn es mit allen (zwangsläufig) Beteiligten nicht rund läuft, müssen wir einen Weg finden. Eine heile Welt kann so viel mehr sein als das, was uns die Medien vorgaukeln. Manchmal ist die heile Welt eine geheilte Welt – und das ist eine Botschaft, die es viel häufiger in Bilderbüchern geben müsste, denn wie sollen Kinder groß werden, wenn sie das Gefühl haben, irgendetwas laufe in ihrer Familie falsch, weil in Filmen und Büchern alle lachend an der Kaffeetafel sitzen?!

Lena Steffinger: Monsteroma. Kunstanstifter 2022, ab 5 Jahren, 20,00 €.


Noch mehr realistische Familienkonstellationen und vielfältige familiäre Herausforderungen gibt es zum Beispiel in: Als die Namen verloren gingen, Zwei Jungs und eine Hochzeit, Flaschenpost für Ferdinand, Zug der Fische, Mauer, Leiter, Bauarbeiter oder Meine neue Mama und ich.

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