Zum Inhalt springen

„Und was liest du so?“ mit Jörg Bernardy

Autor*innen und Illustrator*innen stellen ihr Lieblingskinderbuch vor

Heute, meine sehr verehrten Leser*innen, nimmt ein echter Philosoph mit Doktortitel auf unserem digitalen Lesesofa Platz: Dr. Jörg Bernady, herzlich willkommen! 😉 Jörg lebt als freier Autor und Dozent in Hamburg und ist in der Kinderbuchbranche vor allem durch seine äußerlich poppig-bunten und inhaltlich tiefsinnig-wichtigen Sachbücher bekannt.

In seinem aktuellen Buch Ich glaube, es hackt! beschäftigt sich Jörg mit den wirklich wilden und anstrengenden Zeiten voller Widersprüche, in denen wir momentan leben und bringt für Jugendliche Licht ins Dunkle, indem er komplexe Themen strukturiert und analysiert und durch Gedankenexperimente animiert, selbst Position zu beziehen. Und dabei findet er sehr klare Worte:

Wir alle lügen, provozieren, verarschen, haten und manipulieren manchmal. Wir fühlen uns angegriffen, wenn jemand eine Meinung ausspricht, die anders ist als unsere. Manche Menschen sind so sehr von ihrer Meinung überzeugt, dass man gar nicht mehr mit ihnen diskutieren kann. Genau darum geht es in diesem Buch, um die dunklen Seiten des Menschen und der Gesellschaft. Nur wenn wir die dunklen Seiten kennen und verstehen, wie es dazu kommt, können wir besser mit ihnen umgehen.

Jörg Bernardy im Vorwort zu „Ich glaube, es hackt!“

Neugierig geworden? Hier entlang geht’s zur Leseprobe! Und weil Ihr jetzt bestimmt ganz gespannt seid, welches Lieblingskinderbuch so ein Philosoph mit Doktortitel, der in seinen Büchern haten und verarschen sagt, sein eigen nennt, fragen wir jetzt auch schon:

Und was liest du so, Jörg Bernady?

Ich könnte dir jetzt von den Lieblingskinderbüchern aus meiner Kindheit erzählen. Das wären dann Michael Endes Die unendliche Geschichte und Momo. Offenbar hatte ich schon immer ein Faible für philosophische Gedanken.

Aber ich will heute über mein Liebelingskinderbuch sprechen, das ich erst vor ungefähr vier Jahren entdeckt habe. Zu dem Zeitpunkt war ich also schon längst erwachsen. Der Hund, den Nino nicht hatte ist ein wunderschönes Bilderbuch mit sehr wenig Text. Darin geht es um einen Jungen namens Nino, der einen Phantasiefreund hat. „Nino hatte einen Hund, den er nicht hatte“, heißt es dort. „Doch, den Hund hatte er. Obwohl er ihn nicht hatte.“

Edward van de Vendel, Anton van Hertbruggen, Jugendliteraturpreis, Bilderbuch, Bohem
Der Hund, den Nino nicht hatte

Der imaginierte Freund ist zu jedem Spaß aufgelegt. Er ist immer da, wenn Nino allein ist, und er macht alles mit. Sie gehen zusammen in den Wald, besuchen die etwas gruselige Urgroßoma und fahren zusammen über den See. Irgendwann bekommt Nino einen echten Hund geschenkt, der ganz anders ist als der Phantasiehund. Nino ist enttäuscht und muss sich an den echten Hund erst einmal gewöhnen. „Der Hund, den Nino jetzt hat, ist weich. Und lieb. Und gehorsam. Und frech. Und klein. Und alle können ihn sehen.“ 

Eingebettet ist die Geschichte von Nino in eine überwältigende Komposition fluider Bilderlandschaften, die aus unzähligen kleinen Details und braun-rot-grünen Farbtönen zusammengesetzt sind. Wie in einem Van Gogh-Gemälde fließen die einzelnen wunderschönen Bildelemente ineinander und jede Seite schwappt farblich und kompositorisch in die nächste Seite hinein. So schwimmt, schwebt, fühlt und fliegt man durch die Geschichte, in der auch die Grenzen zwischen Imagination und Wirklichkeit, zwischen Innen- und Außenwelt verschwimmen. Hier und da schimmert eine traurige und melancholische Stimmung durch, die sich am Ende jedoch in einer genauso fröhlichen wie überraschenden Versöhnung zwischen Vorstellungskraft und Realität auflöst. 

Vielleicht spricht mich dieses Bilderbuch so an, weil ich selbst mit 11 Jahren von meinen Eltern einen Hund geschenkt bekommen habe und weil ich weiß, wie besonders diese Erfahrung zwischen Mensch und Tier sein kann. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich aktuell wieder einen Hund habe und die freundschaftliche Verbindung zwischen uns jeden Tag aufs Neue schätze. Aus der Forschung ist ja bekannt, dass Hunde die Ausschüttung des berühmten Kuschel- und Bindunghormons Oxytocin anregen. Abgesehen davon ist mein Hund Gauner eine willkommene Ablenkung und Aufforderung, mich regelmäßig von meinem Schreibtisch zu erheben und ein Waldbad zu nehmen. 

Vor allem aber ist Der Hund, den Nino nicht hatte eine Ode an die Kraft der Imagination und Phantasie in uns allen. Möglicherweise sind wir damit am Ende dann doch wieder bei Die unendliche Geschichte angekommen. Und wer kann sich da schon ganz sicher sein, dass Phantásien nicht vielleicht doch irgendwo in diesem Universum existiert. Zumindest in Zeiten von Fake News, Verschwörungstheorien, Halbwahrheiten, Bullshit und alles durchdringender Selbstinszenierung würde ich mir doch sehr wünschen, dass auch die magischen Fiktionen aus der Kindheit wieder mehr Wertschätzung erfahren.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: