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„Und was liest du so?“ mit Martin Muser

Autor*innen und Illustrator*innen stellen ihr Lieblingskinderbuch vor

Regelmäßige Leser*innen dieses Blogs wissen es bereits: Die Messieurs und ich sind Riesenfans von Kannawoniwasein! Und deshalb gibt es für uns und für Euch nun doppelten Grund zur Freude: Erstens erscheint im Juni der dritte Band mit dem schönen Untertitel Manchmal kriegt man einfach die Krise. In diesem besucht Jola Finn in der Tzitti und beide machen Kreuzberg unsicher. Und zweitens hat Martin heute einige wunderbare Buchtipps für unser aller Lieblingsrubrik Und was liest du so?!

Auf der Homepage von Martin könnt Ihr Euch ansehen, was der Autor, Journalist und Fahrradfahrer sonst noch so treibt – dort habe ich auch diesen spannenden Link gefunden: An der Freien Universität Berlin hat der Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie unter Leitung von Prof. Dr. Gina Weinkauff ein frei verfügbares Unterrichtsmodell zu den ersten beiden Kannawoniwasein-Bänden entwickelt, wie toll ist das denn bitte? Diese möchte ich unbedingt allen Lehrer*innen ans Herz legen (Einfach mal was Neues wagen, es müssen nicht immer die Bücher im Unterricht gelesen werden, die man schon seit 20 Jahren lesen lässt! 😉 ). Jetzt fragen wir aber erst einmal:

Und was liest du so, Martin Muser?

Drei Phasen gibt es in meinem Leben als Kinderbuchleser. In der ersten war ich selbst Kind und habe Kinderbücher gelesen. In der zweiten waren meine Töchter Kinder und ich hab ihnen Kinderbücher vorgelesen. In der dritten habe ich selber ein Kinderbuch geschrieben. Und dann noch weitere. Ich bin also immer noch mitten drin in dieser Phase. Mit rund 50 war ich ein Späteinsteiger (je älter man wird, desto mehr Spaß macht es vielleicht zu regredieren). Und parallel zu meinem eigenen Schreiben habe ich die Klassiker meiner Kindheit noch mal wieder gelesen, um zu gucken, wie die es gemacht haben: Otfried Preußler, Erich Kästner, Astrid Lindgren, Max Kruse, Paul Maar. Als ich dann mit dem ersten Buch fertig war, hab ich gemerkt, dass ich keine Ahnung hatte, was die zeitgenössischen Kolleg*innen um mich herum in den letzten Jahren so alles geschrieben haben und schreiben. Und da hab ich all die neuen Sachen gelesen, die ich nicht kannte, beziehungsweise verpasst hatte: Anton macht’s klar von Milena Baisch, Sonne, Moon und Sterne von Lara Schützsack, die Rico und Oskar-Bücher von Andreas Steinhöfel, Ein Känguru wie du von Ulrich Hub, Frerk, du Zwerg von Finn-Ole Heinrich… und noch viele tolle Bücher mehr.

Aber zurück zum Anfang. Meine ersten Leseerlebnisse hatte ich in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als mein Vater mir – immer nach dem abendlichen Zähneputzen – vorgelesen hat. Ich erinnere mich an Paul Maars Der tätowierte Hund und an ein Buch mit immer länger werdenden Bandwurmsätzen, das ich dann irgendwann auch selbst lesen konnte. Was für ein Gefühl: Selber lesen zu können! Sich selber in all diese Geschichten reinbegeben können, die diese Bücher versprachen!

Etwas später habe ich sie dann stapelweise aus der Bibliothek in Stuttgart Untertürkheim getragen. Eben jene Klassiker von Erich Kästner, Otfried Preußler und Astrid Lindgren, Ludwig Thoma, Michael Ende, Enid Blyton, Paul Maar, Boy Lornsen, Christine Nöstlinger, Judith Kerr… und gerne auch Reihen wie Die drei ???, Mark Brandis und Fünf Freunde. Und als ich alle Fünf Freunde-Bände durch hatte, auch noch Hanni & Nanni, die bei den Mädchenbüchern standen. Ich glaube, es gab damals nicht so viele Neuerscheinungen wie heute. Irgendwann war das Regal durch.

Besonders geliebt habe ich Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt. Mein bester Freund Uli und ich haben das Buch gleichzeitig gelesen bzw. vorgelesen bekommen. Und danach hab ich monatelang nur noch Roboter gemalt, während Uli sich auf Fliewatüüts spezialisiert hat. Die Zeichnungen füllten Ordner. Ich wollte damals Erfinder werden so wie Tobias Findeisen. Und etwas später Detektiv, so wie Die drei ??? oder wie die Kinder in Die Abenteuer der Schwarzen Hand von Hans Jürgen Press. Das war noch so ein Lieblingsbuch. Die Schwarz-Weiß-Illustrationen flashen mich bis heute. Quasi ein westdeutscher Film-Noir-Comic aus den 60ern. 

Und dann gibt es da diese Stellen aus Kinderbüchern, an die ich mich immer noch ganz warm und intensiv erinnere. Der mit Totenkopfwarnschildern geschützte Keller im Schloss von Petrosilius Zwackelmann, wo der Zauberer die zur Unke verwandelte Fee Amaryllis gefangen hält. Oder das Ende vom ersten Band Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, wo Frau Malzahn in Tiefschlaf sinkt, um sich in einen goldenen Drachen der Weisheit zu verwandeln. Oder die Stelle aus Kalle Blomquist (Band 3: Eva-Lotta und Rasmus), wo Nicke, der ja eigentlich zu den bösen Entführern gehört, angeschossen im Gras liegt und und zu dem kleinen Rasmus den unfassbar ergreifenden Satz sagt: „Geh nur und sag deinem Papa, dass im Wald ein alter, kaputter Kidnapper herumliegt“… Da hab ich geweint, als ich das gelesen habe, damals im Kinderzimmer mit dem Heizkörper im Rücken, das weiß ich noch genau.
Mich rühren Figuren, die vielschichtig sind, die Gutes UND Böses in sich tragen und dann von Bösen zu Guten werden, beziehungsweise ihre guten Seiten zeigen. Das versuche ich auch selbst bei meinem eigenen Schreiben hinzukriegen… diesen warmen Blick auf Figuren… sie weder zu glorifizieren noch zu verraten… sondern das Vielschichtige und Widersprüchliche in ihnen zu sehen… das Menschliche eben.

Dreißig Jahre später hab ich dann mit meinen Töchtern das Kinderbuch(vor)lesen noch mal neu gelernt und neu entdeckt. Ich erinnere mich, wie wir über Jeremy James von David Henry Wilson gelacht haben, an Bücher von Kirsten Boie, Cornelia Funke und wieder Paul Maar und die anderen Klassiker. In jeder Phase kamen neue Bücher dazu. Und die sind nur ein kleiner Ausschnitt aus den zigtausend Bücher, die jährlich neu erscheinen… unmöglich, da hinterherzukommen. Es ist ja eigentlich toll, dass wir uns so eine Überproduktion an Kultur leisten, aber für alle, die Bücher machen, ist es hart, weil die „Wahrnehmungsfenster“ so klein geworden sind.


Was übrigens meine frühen Berufswünsche angeht, haben sich irgendwie  beide erfüllt, wie mir letztens ein Junge nach einer Lesung erklärt hat: „Du bist Erfinder geworden, weil du Geschichten erfindest, und du bist Detektiv, weil du Krimis schreibst.“ Da ist was dran. Und ein glücklicher Leser bin ich auch geblieben – über alle Phasen hinweg.

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